Zum Waldbaden in den Steigerwald

Es war hei√ü, es war, nein, nicht laut, aber irgendwie war heute ein Tag, an dem zwar einiges schief schien, sich jedoch schlussendlich gl√ľcklich f√ľgte. Der Treffpunkt war ein Parkplatz, gegen√ľber vom Schwimmbad, so stand es in der Einladung und ich fuhr rechtzeitig los. Ich h√§tte – w√§re alles gut gegangen – √ľber eine halbe Stunde Zeit bis zum Beginn gehabt, doch da nicht immer alles gut geht, war nicht nur Stop-and-Go auf der A3, sondern Stau. Vollsperrung, sagte der Verkehrsfunk.

Naprima. Die n√§chste Abfahrt war meine, das Navi wollte, dass ich wende, ich fuhr auf der Landstra√üe, viele suchten und ich hoffe, sie fanden, was sie wollten. Die Kennzeichen waren schon reichlich exotisch. Doch der Stau alleine reichte nicht, in gef√ľhlt jedem zweiten Dorf war Party, Umleitung, langsames fahren angesagt. Langsam waren auch die hochmotorisierten Cabriofahrer unterwegs, mit mehr als 100 Pferden unter der Haube zockelten sie mit gerade einmal 70 Stundenkilometern vor mir und es gab keine Gelegenheit zum √úberholen.

Naprima. Selbstverst√§ndlich war ich zu sp√§t, selbstverst√§ndlich war niemand mehr da, selbstverst√§ndlich ging niemand ans Handy und sagte mir, in welcher Richtung ich jemanden finden w√ľrde.

Die kleine Schlange zeigte mir den Weg.

Ja. Da saß ich jetzt, mitten im Steigerwald, nein, nicht mitten im Wald, sondern an der Straße, ganz ohne Schatten. Ging erst in die eine Richtung ein paar Schritte, probierte einen zweiten Weg, nein, beide sagten mir nicht zu, also setzte ich mich wieder ins Auto und fuhr in die Richtung, aus der ich nicht gekommen war. Nach kurzer Fahrtzeit ein Parkplatz, nagut, warum nicht. Ich fahre drauf, schnappe Tasche und Kamera und gehe los. Ein paar Schritte nur, dann lotst mich ein schmaler Weg in den Wald, gekennzeichnet mit kleiner Schlange.

Ich bin allein. Nein, bin ich nicht. √úber mir unterhalten sich V√∂gel, neben mir raschelt eine Maus durchs d√ľrre Laub und einige mir unbekannte Insekten wollen mich tats√§chlich begleiten, wie es scheint.

Ich gehe den Weg entlang, komme ins Tal, laufe im Grund entlang, quere einen Weiher, sehe eine Bank, denke noch, och, nett, k√∂nnte ich mich ja setzen und einfach den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, da sehe ich Menschen. Mitten im Wald laufen Menschen. Achnee. Da habe ich sie gefunden, die Menschen, mit denen ich Waldbaden wollte. Eintauchen in das Gr√ľn der Buchen.

Waldbaden. Mitten im Wald.

Man muss sich f√ľrs Waldbaden √ľbrigens keine spezielle Badekleidung zulegen, schn√∂de Alltagskluft reicht v√∂llig aus. Alle atmen ein – und wieder aus. Ach. Das mache ich ja sonst auch, nagut, vielleicht etwas flacher und so nebenbei. Hier soll ich tiefe Atemz√ľge nehmen, damit ich die von den B√§umen ausgeschickten Botenstoffe aufnehmen kann. Die senken den Stresslevel. Nachweislich. Das glaube ich gerne, mein Stresspegel ist schon wieder ziemlich normal, jedenfalls im Vergleich zur Stunde davor.

Waldbaden ist doch mehr als ein gew√∂hnlicher Waldspaziergang. Wir sollen mit allen Sinnen √ľber den Waldboden gehen, riechen, f√ľhlen, schauen. Dann sucht sich jeder einen Baum, kann sich anlehnen, ihn umarmen, mit ihm kommunizieren, zur Ruhe kommen. Wir k√∂nnen ihm unsere Sorgen, N√∂te und √Ąngste anvertrauen, meint der Waldf√ľhrer. Wer den Baum fragt, bekommt manchmal eine Antwort.

Jeder hat seinen Baum gefunden.

Ich sitze auf dem Baumstamm, sehe den Schwebfliegen zu, höre leises Rauschen und Vogelzwitschern. Ob das Hintergrundrauschen von der Autobahn kommt? Je länger ich sitze, desto mehr kann ich hören. Jeder kann einfach bei sich zu Hause einen Wald suchen, einen Baum suchen, möglichst einen, der etwas abgelegen steht und mit ihm reden.

Auf dem R√ľckweg fordert uns der Waldf√ľhrer noch zu einer Entdeckungsreise auf, einer Reise, die gerade einmal so gro√ü wie zwei Handfl√§chen ist: Wir sollen uns setzen, mit unseren H√§nden eine Fl√§che bedecken und in diesem kleinen St√ľck Welt spazieren. Wonach riecht es dort?

Mehr als einen kleinen Einblick k√∂nne er nicht geben, scheint sich der Waldf√ľhrer f√ľr die kurzweiligen zwei Stunden zu entschuldigen. Doch jeder kann sich dem Wald ganz allein n√§hern und in ihm baden, ob mit oder ohne Anleitung. Da w√§re es doch sch√∂n, wenn der Steigerwald k√ľnftig zum Weltnaturerbe erkl√§rt w√ľrde.

 

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