„Der Schatten des Fotografen“ von Helmut Lethen

Heute morgen wollte ich den Blogbeitrag von Juna Grossmann: „Mit den Augen der T√§ter“ kommentieren, aber es ging nicht. Weil die Technik nicht wollte, weil das Internet etwas dagegen hatte, weil, ja, keine Ahnung, warum. Es hat eben nicht funktioniert, wie manches nicht funktioniert, das mit Computern zu tun hat und ich mich so an diesen Error Nummer-irgendwie gew√∂hnt habe, dass es mich eben nicht wundert, wenn nicht alles funktioniert.

Der Beitrag erinnerte mich n√§mlich an ein Buch, das seit einiger Zeit bei mir im Regal steht, bereits gelesen wurde und das ich schon immer hier vorstellen wollte. „Der Schatten des Fotografen“ von Helmut Lethen erschien 2014 bei Rowohlt und bekam im gleichen Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse. In einer Art Vorwort beschreibt Lethen seinen Weg in die Wirklichkeit der Medien und erz√§hlt, dass Bilder wesentlich l√§nger im Ged√§chtnis bleiben als, beispielsweise, der Schmerz eines Foxterrierbisses. Den eigentlichen Auftakt bildet jedoch eine Szene, in der sich Marina Abramovic und Ulay nackt im Eingang der Galleria Communale d’Arte Moderna in Bologna gegen√ľberstehen. Die Besucher m√ľssen sich zwischen beiden hindurchzw√§ngeln. Innen zeigen zwei Bildschirme, wie die Passanten ein- und wieder auftauchen. Erst diese „rufen ins Bewusstsein, dass man etwas verpasst hat“.

Helmut Lethen: „Der Schatten des Fotografen“

Zun√§chst ist eine Photographie eine Lichtmalerei: Wird ein K√∂rper auf dem Film abgebildet, befand er sich auch real vor der Kamera und wurde – wenigstens im Zeitalter der analogen Fotografie – chemisch gespeichert. Doch oft offenbart sich das Bild erst aus dem Kontext, der Beschreibung: Auf dem Umschlag ist eine Frau abgebildet, sie wendet dem Betrachter den R√ľcken zu, geht durch Wasser zum Ufer, den Rock etwas gesch√ľrzt, vielleicht soll er nicht nass werden. Die R√ľckseite des Fotos vermerkt „Die Minenprobe. Vom Donez zum Don 1942“. Mit dieser Beschreibung wandelt sich das scheinbare Idyll und wird damit zum Beweis einer gelebten Unmenschlichkeit, die lebendige Menschen als Minensuchger√§t einsetzten und deren m√∂glichen Tod billigend in Kauf nahmen.

Lethen sucht eine Realit√§t, die sich hinter den Bildern verbirgt und schildert in vielen Beispielen seine darin vermuteten Zusammenh√§nge. Er erkennt, dass ein Bild eben nicht tausend Worte ersetzen, sondern oft noch nicht einmal f√ľr sich selbst sprechen kann. Sollen Bilder als historische Beweise dienen, braucht es das Wissen um die Zusammenh√§nge ihrer Entstehung. Damit spricht er den Fotografien das reale Abbild der Wirklichkeit ab. Sie sind – seiner Ansicht nach – der Absicht des Fotografen geschuldet, der seinen Fotoapparat nach den Regeln der Kunst und der Komposition bedient.

Ich fand es faszinierend, wie präzise Lethen Bilder analysiert und kritisiert. Er beschreibt, verweist und schult ganz nebenbei das Sehen selbst. Er untersucht die Bilder nicht systematisch, sondern eher biografisch, anhand seiner eigenen Erinnerungen und mäandert dabei durch viele Jahre bundesrepublikanische Bildgeschichte. Und er lädt ein, ihn auf seinen Gedanken zu begleiten und selbst zu denken.

Helmut Lethen: „Der Schatten des Fotografen“, erschienen 2014 bei Rowohlt
als E-Book f√ľr 9,99 Euro, als Hardcover f√ľr 19,85 Euro.

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