Gelesen: Stadt der Diebe

Es gibt Zeiten, da muss ich aus Krankheitsgr√ľnden das Sofa bewachen und kann nicht viel Anderes unternehmen. Da kommt ein unterhaltsames Buch gerade recht. Zwar ist „Stadt der Diebe“ bereits vor einiger Zeit erschienen, trotzdem l√§sst es sich immer noch gut lesen. Zumal mich die Zeit, in der das Buch spielt, ohnehin momentan interessiert:

Zwei junge Männer,  einer 17 Jahre alt, der zweite etwas älter, sollen im belagerten Leningrad, in einer Stadt, in der es nichts mehr zu essen gibt, 12 Eier auftreiben.

Im ersten Kapitel entwickelt Benioff den Roman, verleiht ihm einen autobiografischen Rahmen, auch wenn er in einem Interview einmal dazu sagt, dass alles nur erfunden ist. Bereits in diesem Rahmen werden die Folgen des Krieges sichtbar: Die Gro√üeltern denken ungern an diese Zeit und wollen nicht mit der j√ľngeren Generation dar√ľber sprechen. Dabei l√§sst sich eine Vergangenheit weder bew√§ltigen, noch abschlie√üen. Sie wirkt weiter.

Lew, der 17j√§hrige, wird dabei erwischt, wie er die Leiche eines deutschen Fallschirmj√§gers pl√ľndert. Normalerweise werden Pl√ľnderer einfach erschossen, genauso wie Deserteure, als der Kolja gilt. Beide werden eine Nacht ins Gef√§ngnis gesteckt und am n√§chsten Morgen zum Chef des Geheimdienstes gef√ľhrt. Dieser erz√§hlt ihnen von der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter – und dass f√ľr die Hochzeitstorte 12 Eier braucht. Eine Woche Zeit bekommen die beiden, die Eier zu liefern. Klappt es, d√ľrfen sie am Leben bleiben.

Die Auswirkungen des Hungers und der Belagerung beschreibt Benioff so, dass ich gleich mal in der K√ľche nachgucken musste, ob noch genug zu essen da ist. Lew und Kolja erinnern sich inmitten des Hungers und der K√§lte an die Zeit vor dem Krieg und wie fern diese geworden war. Hunger und Tod sind die unausweichlichen Begleiter, denen nicht zu entkommen ist. Weil Not erfinderisch macht, erz√§hlt Benioff, wie die Menschen in Leningrad ihre Schuhsohlen weichkochen, damit sie diese essen k√∂nnen. Wenn es nichts mehr zu essen gibt, dann wird sogar der Schlamm aufgesammelt und gebacken, in dem der geschmolzene Zucker aus den von Bomben zerst√∂rten Lagerh√§usern klebt. Auch der Leim der Buchr√ľcken wurde zu Lebkuchen verarbeitet.

Die beiden finden keine Eier in Leningrad, daf√ľr aber Kannibalen, bei denen Teile von Menschen in Haken an der Decke h√§ngen. Sie finden einen alten toten Mann, der seine H√ľhner bewachen wollte. Eines noch ist √ľbrig, doch es ist – ein Hahn. Immer bleibt der Tod und der Hunger an ihrer Seite. Selbst die Toten blieben sich selbst √ľberlassen, die Menschen hatten keine Kraft mehr, sie zu bestatten: ‚ÄěSie waren schon lange tot, und ihre Leichen hatten begonnen, ein Teil der Landschaft zu werden.‚Äú (S.156).

Die Erde war gefroren, es war Krieg und keine Zeit f√ľr Beerdigungen. Wer bereits tot war, den st√∂rte das nicht. Und wer es nicht werden wollte, der besch√§ftigte sich nicht mit denen, die ohnehin nicht gerettet werden konnten. Kolja: ‚ÄěIch habe noch nie verstanden, wie jemand sagen kann, am meisten f√ľrchte er sich davor, eine Rede zu halten, oder vor Spinnen oder irgendwelchen anderen abschreckenden Dingen. Wie kann man etwas mehr f√ľrchten als den Tod? Allem anderen kannst du f√ľr kurze Zeit entfliehen: Ein Gel√§hmter kann noch immer Dickens lesen; ein Demenzkranker k√∂nnte Momente absurdester Sch√∂nheit erleben.‚Äú (S.205)

Irgendwann schien die Handlung f√ľr mich so irrwitzig, wie ein Film mit Indiana Jones: Auch wenn die Rettung unm√∂glich scheint, kommt eine neue Wendung. Lesenswert und unterhaltsam ist das Buch, ja. Aber ich glaube nicht, dass diese Geschichte m√∂glich gewesen w√§re. Parallel dazu habe ich n√§mlich „Archipel Gulag“ in den Fingern gehabt, von Solschenizyn. Auf Seite 66 erw√§hnt er den ¬ß 58 Punkt 10: „Propaganda oder Agitation, welche einen Appell zum Sturz, zur Untergrabung oder zur Schw√§chung der Sowjetmacht enth√§lt…“. Dieser Paragraph wurde herangezogen, wenn 1942 Menschen „die L√ľge verbreiteten, im belagerten Leningrad st√ľrben die Menschen an Hunger“. Verhaftung und Verbannung waren die Folge.

 

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