Feldpostbriefe

Am Wochenende war ich bei meinen Eltern. Das kommt gelegentlich vor. Als sie neulich bei mir in Franken zu Besuch waren, hatte meine Mutter erz├Ąhlt, dass sie einen ganzen Karton mit Feldpost hat, den mein Opa – also ihr Vater – an ihre Mutter geschrieben hat. Meine Mutter selbst kann die Briefe nicht lesen, da sie in S├╝tterlin geschrieben wurden. Als noch nicht ganz Jugendliche, fr├╝her nannte man das Backfisch, habe ich einst so lange meine Urgro├čmutter angebettelt, dass sie mir gezeigt hat, wie S├╝tterlin geschrieben wird. Ein erster Versuch zeigt: Ich kann die Briefe lesen. Also hat sich der Einsatz damals gelohnt. Als erstes habe ich den letzten Brief gelesen und ├╝bertragen, geschrieben am 3. Januar 1945. Und habe gemerkt: Ich verstehe nicht alles. Ich wei├č oft nicht, was Spa├č ist, und was ernst gemeint ist. Ohne mehr Informationen ├╝ber das, was war, werde ich wohl nicht weiter kommen. Und werde trotzdem nicht alles verstehen k├Ânnen: Wann hat sich der Gro├čvater Sorgen gemacht? Hat er wirklich geglaubt, im Januar 1945, dass es kurz vor dem Kriegsausgang noch zu einer Wende kommen wird? Oder schrieb er das in den Brief hinein, weil ja die Feldpostbriefe zensiert wurden? Und er einfach nur gehofft hat, dass er ├╝berlebt, dass er alles ├╝berlebt?

Er hat ├╝berlebt. Ja. Sonst h├Ątte es meine Mutter und ihre Geschwister nicht gegeben. Aber er hat nichts erz├Ąhlt. Fragen kann ich ihn l├Ąngst nicht mehr, dort wo er ist, gibt es keine Antworten. Ich habe zwar meinen Urgro├čeltern und auch meiner Gro├čmutter L├Âcher in den Bauch gefragt und wollte vieles wissen, nur mein Gro├čvater hat nichts erz├Ąhlt.

Jetzt lese ich seine Briefe. Mal sehen, wie das wird. Was daraus wird.

Die ersten Briefe fehlen. Leider. Ich muss mal fragen, ob noch irgendwo welche stecken k├Ânnten. Wenn nicht, dann sind sie wohl weg. Vielleicht wurden sie verbrannt, wer wei├č.

Es gibt einen ganzen Stapel von 1942, 1943, 1944 und einen einzigen Brief von 1945. Die Briefe von meiner Gro├čmutter, auf die sich mein Gro├čvater oft bezieht, sind auch nicht erhalten. Vermutlich gab es f├╝r ihn nicht so viele Gelegenheiten, sie aufzuheben und wieder mit nach Hause zu bringen.

Beim Kramen in den Briefen habe ich mich an ihn erinnert, an den Tabakduft, der immer da war, wenn ich die Schublade vom Tisch aufzog, der unter dem Fenster stand. Ich habe mich daran erinnert, wie mein Gro├čvater in seinem gr├╝nen Trainingsanzug, genannt Fridolin, im Wohnzimmer sa├č. An das Fr├╝hst├╝ck am Sonntag, ebenfalls im Wohnzimmer, nach dem sich meine Gro├čmutter ihre Fingern├Ągel lackierte und zu dem klassische Musik vom Plattenspieler ert├Ânte.

5 Gedanken zu „Feldpostbriefe

  1. Wow, S├╝tterlin… das muss man erst mal lesen k├Ânnen. Mein Gro├čvater (war auch 5 Jahre in Stalingrad) hat nur die Kurrentschrift angewandt, er hat sie mir auch ein wenig n├Ąhergebracht, aber ich glaube bei S├╝tterlin w├╝rde ich kapitulieren. Bei seiner Unterschrift ist heute noch das Kurrent zu erkennen.
    Wie war das ├╝berhaupt? Hat Bormann nicht beide Schriften abgeschafft? Konnten die Soldaten gar nicht anders schreiben?
    Auf jeden Fall ganz tolle Berichte, habe sie soeben alle gelesen – und man liest sehr viel Empathie da mit rein. Toll, dass du das hier einstellst.

  2. Der Vorteil bei dieser Schrift ist auf alle F├Ąlle: Die Leute haben ordentlicher geschrieben. So sieht es wenigstens aus. Es gab ja noch so etwas wie Sch├Ânschrift in der Schule, und da wurde wirklich Wert darauf gelegt – ohne jetzt eine Diskussion dar├╝ber vom Zaun zu brechen, wie es heute ist. Jedenfalls ahne ich, dass ich im Zweifelsfall schon die Schrift meines Vaters kaum noch h├Ątte lesen k├Ânnen. Wenn dieser einen Brief (das ist auch schon wieder ewig her) mal an seine Mutter, also meine andere Oma, geschrieben hat, und ich dann zu Besuch dort war, kam sie und ich musste ihr den Brief vorlesen. ├ähem. Aber heutige Kinder brauchen ja keine Handschrift mehr, sondern sie tippen nur noch. ­čśë

    • Du m├╝sstest mal die Unterschriften meiner Fu├čballkinder (10/11 Jahre) auf deren Pass sehen – spricht B├Ąnde.
      Aber warum ich schreibe:
      Du bist mit deinem Blogpost bzw. mit der Reihe bei mir ’nominiert‘ f├╝r die ‚Belohnungsaktion‘ „TOP-5-POSTer“
      Kuckst du da

  3. Oh. Das ist ja mal nett. ­čÖé
    Wobei mir zu Unterschriften noch einf├Ąllt: Meine Eltern waren ja mal in Afrika, das tut hier zwar nichts zur Sache, aber ich durfte damals alleine hinfliegen und sie besuchen. Was mich tief beeindruckt hat, waren die Unterschriften der Beamten auf den Flugh├Ąfen… wie kalligrafische Kunstwerke. Danach habe ich eine Weile lang probiert, ob ich das mit meiner Unterschrift auch k├Ânnte. (Hat nicht geklappt, macht aber trotzdem nichts). Frag mal deine Fu├čballkinder – so sie aus dem arabischen/ nordafrikanischen Raum kommen – ob sie solche Unterschriften kennen… ­čśë

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