Alles für die Katz #101

Weil ich momentan – wie alle anderen ja auch – eher zu Hause bleibe, krame ich gelegentlich in meinen Erinnerungen und alten Fotos. Die getigerte Katze haben wir vor gut einem Jahr in Akko beobachtet: Erst lief sie einfach so an den Säcken entlang, dann wurde sie neugierig. Was darin war? Das weiß ich leider immer noch nicht.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles für die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.

Wellen und Wind trotzen #Rostparade

Wir fuhren auf der Küstenstraße am Mittelmeer entlang. Der zweitausend Jahre alte Aquädukt nahe Caesarea hält dicht neben dem Strand Wind und Wellen stand. Direkt am Meer stehen rostige Reste auf dicken Fundamenten, trotzen ebenso Wind und Wellen wie der Aquädukt und werden sicherlich weit vor Ablauf der nächsten zweitausend Jahre zerbröselt, zerrieben und völlig verschwunden sein. Was es einmal war? Das weiß ich nicht.

Rostige Überreste am Strand.

Verbunden mit: Der Rostparade bei Cubus Regio.

Stolpernde Zeiten

Die Zeit scheint zu stolpern: Wache ich morgens auf, ist es in der Wohnung gewohnt kalt, so lange, bis das Feuer im Ofen glüht und den Rest der Räume wärmt. So weit ist es wie immer, auch der morgendliche Kaffee, das Warten der Katze auf den Rest vom Joghurt, die Lektüre von Zeitung und News ist gleich. Alles scheint wie immer, doch die Zeit hat sich geändert, fast unmerklich. Ich brauche nicht mehr zu fahren, kann (fast) alles von zu Hause aus erledigen. Dabei verschwindet die Zeit, stiehlt sich davon, ich muss nachsehen, welches Datum wir haben und der Wochentag ist allein deshalb wichtig, weil ich nicht am Sonntag vor verschlossenem Laden stehen will.

In dieser Zeit – und schon zuvor – rückte das Virus näher, langsam, vom: Was geht es mich an, ob in China ein Sack Reis fällt oder eine Fledermaus auf dem Teller landet, über: ach, da kam jemand aus China zurück und ist krank, bis hin zu: ups, im Landkreis hat sich auch jemand angesteckt, ebenso der Onkel eines Bekannten. Obwohl etwas noch weit weg scheint, betrifft es mich trotzdem, schließlich werden in China auch Sachen gefertigt und hierher transportiert, die ich – vermeintlich – brauche.

Wir sind weder unverwundbar noch unsterblich. Welch eine Kränkung.

Manche Dinge sieht man jetzt wie unter einer Lupe

Wir begreifen langsam, dass es Dinge gibt, die sich kaum beeinflussen lassen, oder doch, wenn wir Abstand halten, keinen sozialen, sondern realen, in Zentimetern und Metern messbar, ein unüberwindlicher Graben für das Virus, auf dass es nicht zu uns kommen möge, oder wenn schon, dann nicht jetzt, sondern später. Vielleicht.

Seit über einer Woche gilt eine Kontaktbeschränkung, wir dürfen noch nach draußen, spazieren, einige tausend Schritte am Abgrund entlang, doch bitte alleine oder höchstens zu zweit.

Ich habe Glück. Wir haben ausreichend Platz, leben seit dem vergangenen Sommer zu zweit auf genügend Raum. Ich bin schon immer Team Stubenhocker und Leseratte, solange ich zwischen zwei Buchdeckeln wohnen kann, vermisse ich nichts. Fast nichts. In meiner Fantasie reise ich durch Zeiten, Länder und Welten und es stört mich nicht, dass die täglichen Wege ziellos sind.

Es gibt keine Ziele mehr. Und damit keinen Grund, mit dem Auto irgendwohin zu fahren, der Bierkeller ist ebenso geschlossen wie Eisdiele und Freibad. Alles, was nicht notwendig ist, hat zu. Das Gras wächst überall gleich, die Ameisen laufen emsig, der Specht hämmert über mir und in der Ferne tuckert ein Traktor. Zitronenfalter flattern umher, die Vögel zwitschern und uns bleibt nichts weiter übrig, als ebenso ziellos geschäftig zu sein, besorgt um Wohnung und Futter. Selten sah ich auf den Wegen so viele Menschen, die spazieren, gehen, schlendern. Jetzt heißt es: Wir gehen mal raus und alles Quengeln nach Zielen nutzt nix, weil die Ziele gesperrt sind, selbst wenn es der heimische Spielplatz ist.

Am Weiher

Jetzt ist das Bänkchen das Ziel, das, zufällig entdeckt, mitten im Wald am Weiher steht, in der Sonne, ringsum der Duft nach Kiefern.

Die Natur atmet auf, nicht nur in Venedig, doch mir scheint, es wird keinen Bestand haben. Alles erinnert mich an den Tsunami, damals, 2004, als sich das Wasser zurückzog, den Meeresboden freigab, noch hatten die Menschen Boden unter den Füßen, solange, bis das Wasser mit Wucht zurückkam. Wird die Wirtschaft wieder losgelassen, entfesselt, wird sie vermutlich weiter toben wie bisher, über Befindlichkeiten von Tieren, Pflanzen und Ökosystemen hinweg.

Es ist eine Stresssituation, für alle, nicht nur für die Erkrankten. Und so zeigt sich in dieser stolpernden Zeit, bei wem der Lack der Zivilisation und der Menschlichkeit nur oberflächlich haftet, sofort abplatzt, sobald Bewegung ins Spiel kommt. Ohne ausreichenden Haftgrund ist das eigene Hemd näher als die Not der Schwachen.

Nein, es war noch nie genug für alle da: Das im Notfall offenbarte Defizit ist ein Strukturelles, es macht sichtbar, wovon es in der Gesellschaft schon immer zu wenig gab. Verstärkt hat sich das in den Jahren, in denen nicht Mitmenschlichkeit und Zuwendung, sondern Wirtschaftlichkeit und Zertifizierung stärker gewichtet wurden. Jeder Ablauf, jeder Prozess kann als solcher optimiert werden, fehlerfrei abgespult werden, völlig unabhängig davon, ob das Ergebnis sinnvoll ist. Jetzt gibt es Beifall und Lob für diejenigen, die ihre Arbeit für wenig Geld erledigen, die plötzlich systemrelevant wichtig sind.

Was wird sein, wenn das alles vorbei ist? Gehen wir dann nahtlos zur – unterbrochenen – Tagesordnung über, lassen wir das Primat der Wirtschaft weiter gelten?

Ich hoffe nicht, aber ich weiß auch, dass meine Hoffnung zu klein ist, dass ich alleine zu wenig bin, dass Menschen etwas zu sagen haben, denen meine Meinung selbst dann egal ist, wenn ich laut werde. Hat jemand auf die „Fridays for future“ gehört?

 

12 Bilder vom 12. März



Es ist jeden Morgen das Gleiche: Ich esse mein Müsli mit Joghurt, die Katze wartet auf das typische Geräusch des Löffels, wenn er die letzten Müsliflocken vom Glas schabt. Kaum habe ich alles ausgelöffelt, springt sie auf den Tisch und putzt das Schälchen sauber. Richtig sauber. Der Spülmaschine bleibt nicht mehr viel.

 

 

 

Auf der Autobahn sind signifikant weniger Lastkraftwagen unterwegs, das fällt schon auf. Am Dienstag stand ich noch im Stau, heute habe ich überall freie Fahrt, selbst in den Baustellen.

Huch, was macht ein Auto mit radioaktivem Transport vor mir? Ach, der saniert nur Brand- und Wasserschäden…

 

 

Ob das Muster auf meinen Beinen gemalt ist, wollte ein alter Mann wissen, der mir auf der Straße entgegenkam. Ich habe nicht gleich verstanden, was er meinte, er versuchte es noch einmal zu erklären, schließlich haben wir beide gelacht. Was soll man auch sonst machen, wenn die Sonne scheint?

 

 

 

 

 

Angekommen. Jetzt habe ich eine Weile zu tun. Gegen Nachmittag bin ich fertig und fahre nach Erlangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier bin ich bei einem Projekt, es geht um Duft und Geschmack, Erinnerungen und Schreiben. Noch sind alle Dosen und Gläser der Duftbar fest verschlossen…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Warten. Der Oberbürgermeister möchte zur Eröffnung auch noch reden und alle begrüßen, obwohl die Stadtverwaltung mit der Corona-Krise ordentlich beschäftigt ist, wie er sagt.

 

 

Erinnerungen werden wach – und überall notiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Geschmacksbar wird erst geöffnet, als bereits alle über den Duft und die damit verbundenen Erinnerungen geschrieben haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Doch, ja, ich habe auch was geschrieben. Kommt Ende des Jahres in die Ausstellung ;-), die über das gesamte Projekt gemacht wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Draußen ist es schon ziemlich dunkel. Ich fahre jetzt nach Hause und hoffe, dass es dort was zu essen gibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Futter im Bauch lässt es sich gut schlafen.

Noch mehr Bilder gibt es bei der Frau, die draußen nur Kännchen anbietet.

Stäubchen aufwirbeln

Irgendwie will ich – und doch wieder nicht. Ich fange lieber tausend Dinge an, statt mich hinzusetzen und zu schreiben. Ich räume den Schreibtisch frei, finde Sachen, die ich nicht gesucht habe, wische den Staub weg, pussel die Krümel aus den Zwischenräumen der Tastatur und würde am liebsten alles ausräumen, freiräumen, neue Tapeten an die Wand, weil, ja, die alten hängen schon so lange dort und wenn ich schon nichts richtig Neues machen kann, ist ein Tapetenwechsel nicht verkehrt.

Es riecht nach Staub, lange abgelagertem altem Staub, er kriecht in die Nase, reizt sie zum Niesen, flockt und erinnert mich, dass ich eigentlich etwas anderes machen wollte.

Bleiben manche Ecken im Haus länger unberührt, sammelt sich hier Staub, legt sich auf die blanken Stellen, lässt sie trüb werden, ganz langsam und allmählich, da hilft es gelegentlich, einen Ausputz zu machen, das Wollen vom Müssen zu sortieren, schauen, warum ich Dinge mache: Wie wichtig ist mir der Blick von außen, der Blick von anderen. Wie wichtig ist es mir, wie sie mich wahrnehmen? Und wie gut geht es mir in dem, was ich meine Räume nenne, ob sie nun um mich herum oder in mir drinnen sind? Sieht mich niemand, fühle ich mich darin wohl. Ist es mir wichtig, dass sich darin auch andere wohlfühlen können?

Forsythienblüte.

Für alles gibt es eine Zeit: Erst wollte ich Dinge haben, sie besitzen, meinte, sie zu brauchen, weil nur mit ihnen das Leben glücklich gelingt. Später erst sah ich, dass ich in den meisten Fällen getäuscht wurde, mich aber gerne habe täuschen lassen, ich gebe es zu. Es ist eine Illusion – und manche beherrschen das Spiel einfach besser.

Deswegen lasse ich beim Schreiben die Kerze brennen, genau wie das Feuer im Ofen. Die Wärme zieht durchs Haus, vertreibt Kälte und verteilt Licht in dunklen Ecken, sie macht, dass andere kommen, sich wärmen, gleich wie kalt der Rest drumherum ist.

Nein, nicht ganz. So etwas wie Ordnung und Sauberkeit hätte ich schon gerne.

Gelegentlich.

Tagebuchbloggen am 5. März

Tja. Heute ist schon ein Tag später. Das liegt einfach daran:

Aufstehen, Kaffee trinken, über Biotopkartierung schreiben, Sachen packen, losfahren, drei Kurse geben, in der kurzen Pause zwischendrin lüften, Wasser trinken, durchatmen, im Regen schnell Obst und Käse kaufen, die Lieblingshausziege von der Arbeit abholen, mit ihr gemeinsam essen, es gibt Nudeln mit Gemüse und Kaiserschmarren mit Espresso als Nachtisch, dann gehen wir noch kurz zu ihr hoch, trinken einen Tee bevor ich wieder fahre, zurück nach Hause, Laptop schnappen, in die Geschäftsstelle der Grünen zur Vorstandssitzung fahren, dort lange diskutieren und schwätzen, spät heimkommen, kurz aufs Sofa und dann ins Bett.

Heute beginnt der Tag ebenso früh, ich habe quasi gleich nach dem Kaffee einen Termin mit einem Allianzmanager, weil das Amt für Ländliche Entwicklung Projekte fördern will und die Anträge dafür bis Ende März eingereicht werden müssen. Das ist sportlich knapp.

Deswegen fasse ich mich hier auch kurz.

Was die anderen Blogger so am 5. März gemacht haben, bitte sehr, hier entlang: Bei Frau Brüllen lässt sich das genau nachlesen.

Alles für die Katz #100


Ich habs ja nicht so mit den Staubfängern, Stehrumseln und sonstigen Nippsachen, jedenfalls nicht bei mir zu Hause. Woanders mag ich sie ganz gerne, da kann ich sie angucken und mich darüber freuen, dass ich sie nicht putzen muss. Seit die Kinder groß sind, schmücke ich noch nicht einmal zu Weihnachten oder Ostern, von herumstehendem oder -hängendem Tinnef wird schließlich meine Freude auf Feste nicht unbedingt größer.

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles für die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.

Erika Mann: Eine Ausstellung in der Münchener Monacensia

Fünfzig Jahre nach ihrem Tod erinnert die Monacensia im Münchner Hildebrandhaus an Erika Mann, Tochter von Katia und Thomas Mann und ihren konsequenten Einsatz für Demokratie und Freiheit.

Nicht nur Kleider, auch Namen machen Leute: Aus irgendwelchen Gründen ist der Name Erika für mich mit kleinen Blümchen verknüpft, mit den Heideblümchen, die im Herbst manchmal in wilden Farben im Gartencenter stehen. Außerdem gab es einst eine Schreibmaschine mit diesem Namen. Wählten Katia und Thomas Mann den Namen für ihre Erstgeborene nach dem Klang oder nach der Bedeutung? Dann hieße sie die „Alleinherrschende“.

Sylvia Schütz erzählt über Erika Mann

„Es ist ein Mädchen“, notierte ihr Vater. Als Vatertochter muss sie nie mit ihm konkurrieren, ganz im Gegensatz zum ein Jahr später geborenen Bruder Klaus. Doch vielleicht hätte Kassandra besser zu ihr gepasst, warnte sie doch im amerikanischen Exil, reiste mit der Eisenbahn quer durch Amerika, erzählte von dem, was in Deutschland unter den Nationalsozialisten geschah, über die Gefahr des Faschismus und dessen Einfluss mittels Erziehung auf die Jugend.

An Schule nur wenig interessiert, gründete Erika lieber eine Bande mit Freunden aus der Nachbarschaft, äfft die Lehrer nach und schließt das Luisengymnasium in München mit einem schlechten Abschlusszeugnis ab. Während in München nationale und völkische Extremisten die Politik beherrschen, geht Erika Mann nach Berlin, zur Schauspielschule von Max Reinhardt, lässt sich einen Bubikopf schneiden, raucht Zigaretten, erobert sich das Berufsleben, wird an Bühnen engagiert und reist mit ihrem Bruder Klaus neun Monate lang um die Welt. Weil sie wissen will, wie ein Auto funktioniert, lernt sie Automechaniker – und was sie erlebt, wird schreibend verwertet.

Dr. Tanja Praske leiht den geschriebenen Worten Erika Manns ihre Stimme.

Europa erlebt Erika Mann noch als ein großes Gebiet, eines, durch das man fahren kann und bis heute werden ihre Erlebnisse im Baedeker zitiert. Dass es ein Fehler war, die Politik den anderen zu überlassen, erlebte sie, bevor die Nazis offiziell 1933 an die Macht kamen: Ins Münchner Hotel zur öffentlichen Frauenversammlung eingeladen, sollte sie ein kurzes Gedenken für den Frieden halten. Währenddessen gab es einen „Störungsversuch seitens der Nazibuben“, wie Klaus Mann das Ganze beschrieb, es folgte ein Presseskandal, Verleumdungen, Drohungen, all das, was man heute als „Shitstorm“ bezeichnen würde.

Für Erika war es ein Moment, in dem sie klar erkannte, dass politisches Handeln gegen die Nazis notwendig war und noch im Januar 1933 das politische Kabarett „Pfeffermühle“ gründete, Texte schrieb und alles rund um die Aufführungen organisierte. Bis Ende Februar waren die Vorstellungen ausverkauft – und die völkische Presse tobte.

Co-Kuratorin Sylvia Schütz am Rednerpult, wie einst Erika Mann.

Sie wechselt in die Schweiz, spielt dort weiter, emigriert nach Amerika, doch hier gelingt kein Kabarett, hier wird sie politische Rednerin, reist mit dem Zug quer durch das riesige Land und spricht über „Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“, ein Buch, das sie selbst schrieb und dessen deutsche Übersetzung erst 1986 erschien.

Erika Mann wird Kriegsberichtserstatterin, darf als einzige Frau die Hauptkriegsverbrecher besuchen, berichtet von den Nürnberger Prozessen und reist quer durch das zerstörte Land und beschreibt die verstört-jammernde Stimmung.

Als es zum Kalten Krieg kommt, kehren Katia, Thomas und Erika Mann nach Europa zurück, in die Schweiz. Jetzt wird sie zum Mauerblümchen, zur Kassandra: So viel sie versucht, sich einzumischen, so wenig findet sie Gehör. Sie wachte über den Nachlass von Bruder und Vater, als „bleicher Nachlassschatten“, wie sie an einen Freund schrieb, bis sie 1969 mit gerade einmal 64 Jahren starb.

Auch wenn die Ausstellung räumlich mit dem Äquivalent einer Dreiraumwohnung auskommen muss, stellt sie das gesamte Leben Erika Manns dar, gemeinsam mit den Zeitläufen, denen sie ausgesetzt war, denen sie sich stellen musste und wollte. Zitate belegen, wie aktuell ihre Sichtweise bis heute ist – und wie erschreckend wenig davon in der Erinnerung blieb.

Der Nachlass der Manns wird in der Monacensia aufbewahrt.

Der Weg nach München lohnt sich auf jeden Fall. Bis zum 30. Juni ist die Ausstellung noch in der Monacensia im Hildebrandhaus zu sehen, anschließend soll sie auf Wanderschaft gehen. Das verriet Sylvia Schütz, die als Ko-Kuratorin mit viel Witz und Freude durch die Räume führte und die fast vergessene Kabarettistin, Kriegsreporterin und politische Rednerin in Anekdoten wieder lebendig werden ließ.

Was ist das Maß?

Viele reden von Nachhaltigkeit. Andere rechnen aus, an welchem Tag wir Menschen der Erde mehr entreißen, als sie jährlich liefern kann – und beschränkt sich dabei auf die biologische Kapazität.

Doch was ist das Maß? Wie groß ist mein Maß?

Was steht mir zu, wie viel darf ich brauchen, verbrauchen, und wann ist es genug, wann ist es zu viel? Ist ein Paar Schuhe im Jahr angemessen? Ist es zu viel? Muss ich sie drei Jahre tragen? Was ist, wenn sich die Sohle des einen Schuhs bereits nach drei Tagen löst?

Wie viel Kleidung steht mir zu? Soll nur das verteilt werden, was vorhanden ist und regeneriert werden kann, muss es in irgendeiner Weise reglementiert und zugeteilt werden: Ich bekomme dann Spritz für eine bestimmte Menge an Emissionen, fahre ich ein Auto, das nur wenig braucht, komme ich weiter als mit einem Spritfresser, einer Schrankwand auf Rädern.

Das gleiche gilt für Strom, der für drei helle Zimmer, einen Kuchen am Sonntag und wahlweise drei Stunden am Laptop reicht. Brauche ich mehr, muss ich mittels Photovoltaik selbst Strom erzeugen, kostenneutral, emissionsfrei, aber ich kann auch den Verbrauch reduzieren und nur das Zimmer beleuchten, in dem ich sitze.

Ist das Haus zu groß oder ungedämmt, reicht die Heizenergie nur für ein Zimmer aus oder so viele Quadratmeter, wie mir eben zustehen. Das erinnert mich an meine Oma: Während es in der Küche immer mollig warm war, wurde der Ofen im Wohnzimmer nur dann geschürt, wenn Gäste kamen.

So ließe sich alles berechnen, was ein Mensch so braucht.

Auch die tägliche Kalorienanzahl ist bekannt, immerhin könnte ich wählen, ob ich lieber dreimal Salat oder ein Nutellabrötchen hätte.

Dann ließe sich das mehr-haben-wollen nicht mehr durch mehr Geld erreichen. Ich bräuchte nur noch so viel zu arbeiten, bis ich mir das kaufen kann, was mir zusteht. Vielleicht muss ich dann beim Kauf von neuen Schuhen die getragenen Schuhe vorweisen, zeigen, dass sie nicht mehr reparabel sind oder ich gebe sie ab, damit sie weiter getragen werden, nur nicht mehr von mir.

Es lässt sich sicher auch berechnen, wie viel Klopapier, Duschgel und Zahnpasta ein Mensch braucht, selbst dann, wenn er es großzügig verwendet. Die Daten sind in den Kassensystemen der Supermärkte und im Internet längst vorhanden. Geht etwas zur Neige, wird automatisch nachgeliefert.

Algorithmengesteuerte Planwirtschaft. Bargeld ist bis dahin ohnehin überflüssig.

Bleibt nur: Was mache ich mit der freien Zeit? Der Zeit, in der ich bisher arbeiten muss, um das zu finanzieren, was mir jetzt nicht mehr zusteht?

Schabernack, breit, erheben – abc.etüden

Weil Anton auf schnelle Lacher und den Beifall derjenigen setzte, die so dachten wie er, es jedoch nicht wagten oder zu lange für eine Replik brauchten, dachte er nicht nach. Er dachte nie nach, nahm sich keine Zeit dafür, überhaupt verträgt sich Nachdenken nur selten mit Schlagfertigkeit, bezieht sie ihre Stärke doch aus der Geschwindigkeit und nicht aus nachdenklich geführten Gesprächen.
Da er sich seiner breiten Zustimmung sicher war, stand er um so bedröppelter da, als zum ersten Mal niemand mehr über seinen Witz lachte. Er spürte klar und deutlich, dass er jetzt auf der falschen Seite des Rudels gelandet war, dort, wo all diejenigen standen, über die er sich bisher ungestraft lustig gemacht hatte.
Mit einem »Ich habs doch nicht so gemeint«, suchte er den Lapsus zu überspielen, wollte wieder Anschluss an die, die ihm plötzlich den Rücken gekehrt hatten. Doch der Boden war zu glitschig, der Graben zu breit, der Brückenschlag gelang nicht.

Anton stand da und hätte zum ersten Mal Zeit zum Nachdenken, jedenfalls dann, wenn er sie sich genommen hätte, wenn er die Gelegenheit genutzt hätte und sich überlegt hätte, warum er jetzt dort stand, doch er machte weiter, trieb seinen Schabernack auf Kosten der Schwächeren, auf Kosten derer, die er zuvor als Loser verhöhnt hatte und dafür den Beifall der anderen bekam. Jetzt stand er selbst da, doch er gab nicht auf, versuchte einen Schabernack nach dem nächsten, holte sich eine Abfuhr nach der anderen, kämpfte weiter, drehte auf, versuchte, sich über die zu erheben, zu denen er jetzt von den anderen gezählt wurde, doch es half nichts.

„Was gibst du dich auch mit denen ab“, hörte er seinen Vater sagen. „Da gehörst du nicht hin, komm, ab nach Hause und kümmer dich um unsern Kram“.

Dabei wollte er doch nur dazugehören. Gesehen werden. Dabei sein.

Verbunden mit den abc.etüden von Christiane: Ein Text von nicht mehr als 300 Worten mit Schabernack, breit und erheben.