Tagebuchbloggen am 5. Juli

Manche Tage fangen quer an – und enden schlussendlich als Traumtage. Da die liebe Blognachbarin immer am fünften jeden Monats fragt, was wir alle so machen, WMDEDGT, will ich das heute nachtragen. Gestern wurde es so spät, da hab ich es einfach nicht mehr geschafft.

Der Wecker rief mich schon halb sechs unter der Decke hervor, schließlich war praktischer Prüfungstag für die Lieblingshausziege. Nachdem wir am Morgen zuvor etwas verschliefen, hatte ich ihr versprochen, fürs Wecken und Kaffeekochen zu sorgen. Sie brauchte nicht lange, ich wünschte ihr Glück und sie fuhr los.

Anschließend las ich das Briefing für einen Text, stellte fest, dass Bild und Auftrag nicht übereinstimmten und gab alles zurück, mit der Bitte um Verbesserung.

Dann wollte noch der nicht ganz einfache Text über eine Schulsanierung geschrieben werden, bei der im Abbruch viele Schadstoffe aufgetaucht waren. Ich hoffe, ich habs richtig aufgedröselt: Schulsanierung

Noch ein paar Klamotten packen, das gefrorene Schaf hatte der Mitbewohner längst im Auto verstaut, ebenso die von den Eltern gewünschten Kiste Bier und Wein. Dann ging es los, Richtung Norden, immer auf der A 73 entlang, über O. und G. nach M. Dort warteten die Eltern schon mit Kaffee und Kuchen.

Heute Abend sei Konzert im Kloster, sagte der Vater. Kostet nix. Ich kann nicht, muss zum Sport, sagte die Mutter. Hab was zu tun, schickte uns der Vater alleine hin. Das Navi zeigte uns, wo es lang ging.

 

Im von der Sonne hell erleuchteten Kubus des Christus-Pavillons huschten die Schatten der Vögel über die transparenten Wände, Gitarre und Akkordeon begleiteten die Eröffnung einer Ausstellung. Das hatte uns der Vater einfach vorenthalten, er hatte nur was von Konzert gemurmelt.

Über Nichtvergessen und Leichtigkeit: Eine Ausstellung von Gerd Kanz im Christus-Pavillon Kloster Volkenroda.

„Maler sind gewissermaßen Gärtner im philosophischen Raum. Maler und Gärtner graben den Boden um und erkunden dessen Beschaffenheit, ehe sie etwas ganz Bestimmtes hineinpflanzen, immer in der Hoffnung, es möge gerade dort gut gedeihen. Manchmal pflanze ich Fragen und manchmal wächst daraus eine Antwort. Ich male und pflanze und staune über das Wachsen der Dinge“, wird Kanz im Begleitheftchen der Ausstellung zitiert.

Verletzungen, Enttäuschungen, Angst, Verluste und Schmerzen gehören unauslöschlich zur menschlichen Existenz und es gehört zum Leben, diese zu bewältigen. Die Bilder wurden mit Ölfarben auf Holz gemalt, die Strukturen ergeben eine Tiefe als dritte Dimension, die mit dem Meißel in das glatte Holz hineingegraben wurden, so dass Linien als Narben und Risse entstanden.

Auf dem Feuerlöschteich installierte der Künstler Flügelwesen.

Wir blieben noch eine Weile im Innenhof des Pavillons sitzen und folgten dann der Einladung von Petra Arndt, sie in ihrem Atelier zu besuchen, das sich zwei Häuser weiter im alten Konsum von Volkenroda befand.

Die Bilder von Gerd Kanz bleiben bis zum 1. September in Volkenroda, wer dort in der Nähe ist, es lohnt sich. Wirklich.

 

Alles für die Katz #94

An diesem Monatsersten ist wieder alles für die Katz. Ist es heiß, werden beide Stubentiger außerordentlich träge. Sie suchen sich ein Plätzchen, das im Gegensatz zum Winter jetzt nicht vor dem Ofen, sondern lieber im dunklen Flur, dort, wo ein kleiner Windhauch eine Idee von Kühle ahnen lässt und legen sich dort längelang. Wir dürfen über die Damen steigen, stolpern, sie ignorieren es.

Selbst das Futter wird nicht mit der gleichen Geschwindigkeit gefuttert. Sie lassen sich Zeit, gelegentlich bleibt sogar etwas im Napf zurück. Und ja, sie haben genügend zu trinken.

Ach, Fressen gibt’s? Joa, dann komm ich mal…

alles_fuer_die_katz_logo_120x120Wer sich gerne am Projekt “Alles für die Katz” beteiligen möchte, kann das an jedem 1. des Monats machen. (Momentan habe ich mich dazu entschlossen, dass es „Alles für die Katz“ nur noch einmal im Monat gibt, jeweils am 1.)

Einfach den eigenen Beitrag im Kommentar verlinken: Und schon freuen sich alle Katzenfans über schöne Bilder. Das von Kerstin gestaltete Logo darf sich auch jeder mitnehmen und verwenden, der bei “Alles für die Katz” dabei ist. Klickt euch durch die Galerie der Katzen, streichelt ihnen über den Kopf, lasst euch auch einmal anfauchen – und sagt einfach denen, die sie fotografiert haben, wie schön ihre Katzen sind.

Zum Waldbaden in den Steigerwald

Es war heiß, es war, nein, nicht laut, aber irgendwie war heute ein Tag, an dem zwar einiges schief schien, sich jedoch schlussendlich glücklich fügte. Der Treffpunkt war ein Parkplatz, gegenüber vom Schwimmbad, so stand es in der Einladung und ich fuhr rechtzeitig los. Ich hätte – wäre alles gut gegangen – über eine halbe Stunde Zeit bis zum Beginn gehabt, doch da nicht immer alles gut geht, war nicht nur Stop-and-Go auf der A3, sondern Stau. Vollsperrung, sagte der Verkehrsfunk.

Naprima. Die nächste Abfahrt war meine, das Navi wollte, dass ich wende, ich fuhr auf der Landstraße, viele suchten und ich hoffe, sie fanden, was sie wollten. Die Kennzeichen waren schon reichlich exotisch. Doch der Stau alleine reichte nicht, in gefühlt jedem zweiten Dorf war Party, Umleitung, langsames fahren angesagt. Langsam waren auch die hochmotorisierten Cabriofahrer unterwegs, mit mehr als 100 Pferden unter der Haube zockelten sie mit gerade einmal 70 Stundenkilometern vor mir und es gab keine Gelegenheit zum Überholen.

Naprima. Selbstverständlich war ich zu spät, selbstverständlich war niemand mehr da, selbstverständlich ging niemand ans Handy und sagte mir, in welcher Richtung ich jemanden finden würde.

Die kleine Schlange zeigte mir den Weg.

Ja. Da saß ich jetzt, mitten im Steigerwald, nein, nicht mitten im Wald, sondern an der Straße, ganz ohne Schatten. Ging erst in die eine Richtung ein paar Schritte, probierte einen zweiten Weg, nein, beide sagten mir nicht zu, also setzte ich mich wieder ins Auto und fuhr in die Richtung, aus der ich nicht gekommen war. Nach kurzer Fahrtzeit ein Parkplatz, nagut, warum nicht. Ich fahre drauf, schnappe Tasche und Kamera und gehe los. Ein paar Schritte nur, dann lotst mich ein schmaler Weg in den Wald, gekennzeichnet mit kleiner Schlange.

Ich bin allein. Nein, bin ich nicht. Über mir unterhalten sich Vögel, neben mir raschelt eine Maus durchs dürre Laub und einige mir unbekannte Insekten wollen mich tatsächlich begleiten, wie es scheint.

Ich gehe den Weg entlang, komme ins Tal, laufe im Grund entlang, quere einen Weiher, sehe eine Bank, denke noch, och, nett, könnte ich mich ja setzen und einfach den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, da sehe ich Menschen. Mitten im Wald laufen Menschen. Achnee. Da habe ich sie gefunden, die Menschen, mit denen ich Waldbaden wollte. Eintauchen in das Grün der Buchen.

Waldbaden. Mitten im Wald.

Man muss sich fürs Waldbaden übrigens keine spezielle Badekleidung zulegen, schnöde Alltagskluft reicht völlig aus. Alle atmen ein – und wieder aus. Ach. Das mache ich ja sonst auch, nagut, vielleicht etwas flacher und so nebenbei. Hier soll ich tiefe Atemzüge nehmen, damit ich die von den Bäumen ausgeschickten Botenstoffe aufnehmen kann. Die senken den Stresslevel. Nachweislich. Das glaube ich gerne, mein Stresspegel ist schon wieder ziemlich normal, jedenfalls im Vergleich zur Stunde davor.

Waldbaden ist doch mehr als ein gewöhnlicher Waldspaziergang. Wir sollen mit allen Sinnen über den Waldboden gehen, riechen, fühlen, schauen. Dann sucht sich jeder einen Baum, kann sich anlehnen, ihn umarmen, mit ihm kommunizieren, zur Ruhe kommen. Wir können ihm unsere Sorgen, Nöte und Ängste anvertrauen, meint der Waldführer. Wer den Baum fragt, bekommt manchmal eine Antwort.

Jeder hat seinen Baum gefunden.

Ich sitze auf dem Baumstamm, sehe den Schwebfliegen zu, höre leises Rauschen und Vogelzwitschern. Ob das Hintergrundrauschen von der Autobahn kommt? Je länger ich sitze, desto mehr kann ich hören. Jeder kann einfach bei sich zu Hause einen Wald suchen, einen Baum suchen, möglichst einen, der etwas abgelegen steht und mit ihm reden.

Auf dem Rückweg fordert uns der Waldführer noch zu einer Entdeckungsreise auf, einer Reise, die gerade einmal so groß wie zwei Handflächen ist: Wir sollen uns setzen, mit unseren Händen eine Fläche bedecken und in diesem kleinen Stück Welt spazieren. Wonach riecht es dort?

Mehr als einen kleinen Einblick könne er nicht geben, scheint sich der Waldführer für die kurzweiligen zwei Stunden zu entschuldigen. Doch jeder kann sich dem Wald ganz allein nähern und in ihm baden, ob mit oder ohne Anleitung. Da wäre es doch schön, wenn der Steigerwald künftig zum Weltnaturerbe erklärt würde.

 

Auf dem DLD Campus in Bayreuth

Jeden Freitag streiken die Kinder und Jugendlichen, sie gehen auf die Straße und protestieren. Sie werden immer aktiver und haben für September die nächste große Demonstration geplant. Sie machen Krach, weil sie sich um ihre Zukunft und die Zukunft der Welt sorgen. Viel ruhiger ging es dagegen auf der Innovationskonferenz DLD Campus zu, der von Hubert Burda Media veranstaltet wird: Im Audimax an der Bayreuther Universität tauschten sich Studenten, Unternehmer und Politiker nicht nur über die Zukunft der digitalen Welt aus, sondern auch darüber, wie künftig Probleme gelöst werden können.

Die Techniker bereiten sich vor: Gleich startet der DLD Campus 19 in Bayreuth

Während jedoch Steffi Czerny von DLD vom Quantum Computing schwärmte, würde sich Katharina Schulze (Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ Die Grünen im Bayerischen Landtag) schon freuen, wenn die digitale Infrastruktur bis in den ländlichen Raum reicht und jeder Ort in der Zeit zwischen fünf Uhr morgens und Mitternacht an den öffentlichen Personennahverkehr angeschlossen ist und das Netz ausreicht, sich via App nach der nächsten Abfahrt zu erkundigen.

Podiumsdiskussion mit Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/ die Grünen im Bayerischen Landtag, sie hat gerade das Mikro in der Hand

In der Podiumsdiskussion wurde denn auch die Versorgung des ländlichen Raumes mit schnellem Internet hierzulande mit der Situation in Schwellen- und Entwicklungsländern verglichen. Dabei fallen mir viele Möglichkeiten ein, an die kaum jemand zu denken scheint: Wenn schon so viele Menschen ihre Waren online bestellen, warum kann davon nicht ein kleiner Dorfladen leben? Die Menschen bestellen, was sie gerne hätten – und holen es dort ab, so frisch wie in jedem Supermarkt. Sie sparen sich die Fahrten zum Stadtrand und die Mühen des Einkaufs im großen Markt.
Wolfgang Kerler, früher Journalist bei Wired, ist sich sicher, dass wir hierzulande mehr Optimismus brauchen: „große Narrative haben Einfluss auf uns!“ – und wir nehmen Technologien als Naturgewalten und uns selbst nur noch als Opfer wahr.
Andreas Kunze von Konux war vor fünf Jahren noch Student. Heute will er mit seinen gut 100 Mitarbeitern weltweit Züge pünktlicher machen. Wir sollten aufhören, Protokolle zu schreiben und lieber die Technik benutzen, forderte er.
Das habe ich schon vor Jahren ausprobiert und festgestellt: Ich kann mir Dinge besser merken und auch fokussierter notieren, wenn ich mit der Hand schreibe. Also bleibe ich lieber bei Block und Stift. Außerdem kann ich nicht mehr benötigte Blätter einfach zusammenknüllen und in den Papierkorb werfen. Versuch das mal mit einer Datei! Das ist nicht halb so vergnüglich und bringt wesentlich weniger Genugtuung.
Über die vermeintliche Erfolgsstory der Kunststoffe sprach Christian Laforsch, Professor an der Bayreuther Universität. Sicher, vieles wäre ohne Kunststoffe nicht denkbar. Da allerdings gut 40 Prozent als Verpackung genutzt werden und nach ihrem Eintagsleben als Müll enden, ist das nicht nur für Flüsse und Meere, sondern bereits für alle Bereiche unseres Planeten tragisch: „Mikroplastik ist überall“, versicherte Laforsch. Nicht nur die Tiere verwechseln Kunststoffe mit Nahrung und verenden, sondern selbst wir Menschen nehmen über unser Essen Mikroplastik auf. Das wirkt sich auf die Darmbakterien aus, kann Entzündungen und Tumore hervorrufen, ist sich Laforsch sicher. Da es hierzu noch mehr Fragen als Antworten gibt, müsse mehr geforscht werden.

Draußen war es sonnig und heiß, das Audimax glücklicherweise gut temperiert.

Auf der Veranstaltung wurde in den Pausen Essen angeboten. Allerdings war sämtliches Geschirr Einweggeschirr: Kaffeebecher ebenso wie Kuchenteller, Suppenschüssel und Besteck. War das wirklich nötig? Direkt neben dem Audimax ist die Mensa: Dort war sicherlich genügend Geschirr für alle vorhanden.
Als im Laufe des Nachmittags weiter über die schöne neue Welt der Computer geschwärmt wird, erinnerte ich mich daran, was uns bereits vor vielen Jahren versprochen wurde: Schon damals versicherten Forscher und Zukunftsgucker, wie einfach doch die Welt würde, wenn uns die Technik alles Schwere abnimmt. Sicher, ich brauche nicht mehr aufzustehen, wenn ich das Programm am Fernseher wechseln will. Ich kann auch das Autofenster auf Knopfdruck nach unten fahren lassen. Doch wir arbeiten längst nicht weniger, sondern eher mehr, immer verdichteter. Es soll immer mehr in immer kürzerer Zeit geschafft werden. Dabei nehmen uns doch Computer und Roboter so viel ab?
David Hanson von Hanson Robotics kam extra aus Hongkong nach Bayreuth – und ich muss an die Emissionen der Flugzeuge denken. Wäre das nicht via Technik einfacher gewesen, ihn direkt zuzuschalten? Nein, wäre es nicht. Eine direkte Kommunikation, bei der sich sämtliche Beteiligten direkt im gleichen Raum befinden, ist einfach durch nichts zu ersetzen. Sein Traum ist es, richtig lebende Maschinen zu schaffen, doch irgendwie erinnerte ich mich dabei an das Buch Simulacron-3 von Galoye. In diesem erzählt der Autor, wie in einem Computer Menschen simuliert werden, und zwar so echt, dass diese über ein eigenes Bewusstsein verfügen und nicht merken, dass sie lediglich Software sind.

Draußen war intensives Schwätzen angesagt.

Wir haben die Kommunikation und Interaktion zwischen den Menschen noch nicht verstanden, werden von unseren Gefühlen beherrscht, von chemischen und hormonellen Ereignissen geflutet – wie wollen wir das auf Computer übertragen? Woher weiß ich denn, wann mich jemand anders liebt? Das weiß ich einfach, sagte die Lieblingshausziege vor vielen Jahren. Viele Zustände kann ich spielen – ohne es wirklich zu sein. Manchmal kann ich entscheiden, wer ich sein will – und manchmal auch nicht. Haben Maschinen auch diese Möglichkeiten?
Der Tag war lang und dicht mit Wissen und interessanten Gedanken gepackt, so dicht, dass ich sie hier ohnehin nicht alle aufzählen kann. Der zentrale Satz Amerikas: „Alles ist möglich“ wurde im Silicon Valley zu „Nichts ist unmöglich“, referierte Hans-Ulrich Gumbrecht, der als Hochschullehrer in Stanford Literatur lehrt. Die Technologien machen Begierden möglich, die es vorher so nicht gegeben hat, resümiert er und ist sich sicher, dass es längst zu spät ist, die Computer noch abzuschalten. Die Programmierer wüssten längst nicht mehr, was sich in deren Inneren abspielt und dank Deep Learning ist alles zu einem gewissen Grad längst außer Kontrolle. Doch dieser Gedanke scheint ihn nicht zu stören: „Ich lebe lieber in einer Risikokultur als in einer Fehlervermeidungskultur“.

Froschkönig, trüb, helfen #abc.etüden

Juli raffte alle Sachen zusammen, die sie in Augusts Zimmer fand. Es roch nach ihm, seinem sauren Duft ungewaschener Shirts, käsiger Socken und lang nicht gewechselter Bettwäsche, in der ein brauner Abdruck seines Kopfes davon zeugte, dass er am Ende Haarewaschen überflüssig fand. Der Knoblauch, den er mit trockenem Brot als ausreichende Ernährung für hundertjähriges Leben behauptet hatte, schwebte mit seinem leichten Hauch nach Verwesung und trüben Eiern im Zimmer, hatte sich gewissermaßen fest in Tapeten und Ritzen gekrallt.
Sie griff zwei der blauen Säcke, die sie voll gestopft hatte und zerrte sie ohne Hilfe über die Treppen bis in den Keller. Auf dem Weg zurück fand sie einen kleinen grünen Frosch mit dem goldenen Krönchen. August war fünf Jahre alt, als er ihn von einem Freund des Vaters geschenkt bekam, während sie sich über eine Stoffschlange freuen sollte. Sie hatte das Mitbringsel gleich nach dem Wochenende im Mülleimer entsorgt, doch August warf seinen Frosch mit nicht nachlassender Wut an die Wand: „Du bist gar kein echter Froschkönig!“, brüllte er das mit Reiskörnern gefüllte Stofftier an, wenn es wieder einmal nicht wie ein Ball zurückgeprallt oder sich in einen Prinzen verwandelt hatte, sondern mit einem leisen Seufzer zu Boden gerutscht war.
Juli sah August so lebhaft vor sich, als hätte sich die Zeit zwanzig Jahre zurückgedreht und sie stünde vor der damals noch unverputzten Mauer, auf der die Handwerker in großen Lettern „Mamas Palast“ geschrieben hatten. Sie wollte August schon damals loswerden, am liebsten für immer. Als sie jedoch den schlaffen Frosch in der Hand hielt, wurde ihr schlagartig klar, dass er jetzt zwar für den Rest ihres Lebens verschwunden war, sie ihn dafür aber fester als je zuvor an sich gekettet trug und das nicht nur, weil sein Fingerabdruck als Anhänger um ihren Hals hing.

Nicht jeder Frosch ist ein König.

Verbunden mit: Irgendwas ist immer und den abc.etüden: 300 Worte, in denen drei vorgegebene Wortspenden untergebracht werden müssen.

Vorsichtshalber: Selbstverständlich ist alles nur erfunden. Logisch. Ich kenne niemanden, der Juli oder August heißt.

In Bayreuth unterwegs

Es gibt Sommerorte und Winterorte. Nachdem ich ein einziges Mal in Bayreuth war, während des Winters, zog mich dort einfach nichts hin. Ich fand die Stadt kalt, grau, steinern, abweisend.

Der Markgraf auf dem Markgrafenbrunnen in Bayreuth.

Gestern war ich noch einmal dort, hatte am späten Nachmittag einen Termin und noch gut zwei Stunden Zeit. Tatsächlich wirkte die Stadt auf mich ganz anders. Es gibt wohl Orte, die unter der Sonne richtig aufblühen. Sie räumen das Mobiliar auf die Straßen, lassen eine leise Brise vorüberziehen, Musik perlt durch offene Fenster, die Vögel singen ihre Melodie dazu, ein leichter Duft nach geröstetem Kaffee liegt in der Luft und lässt mich am Tisch Platz nehmen. Ja, ein Milchkaffee bitte.

Leises Gemurmel an den Nachbartischen, von irgendwo schwebte ein Hauch nach Zigarre. Am Nebentisch zeichneten zwei junge Frauen die steinernen Fassaden auf Papier, erst ganz hingegeben, bis eine von ihnen den Stift auf den Block warf: Bin voll unzufrieden, das wird nichts, sie fährt sich mit den Fingern durch die halblangen Haare und genießt den Widerspruch ihres Gegenübers.

Vor den Geschäften werden die Sonderangebote gelüftet, doch bei Sonnenschein mag niemand in halbdunkle Läden tauchen.

Am anderen Nebentisch berichtet eine, wie ihre Mum übelst ausgerastet ist. Dabei hat sie doch nur vergessen, sich um einen Termin zu kümmern. Aber ich hasse es, wenn jemand so an die Decke geht, erklärt sie ihrer Begleiterin. Man kann das doch auch normal sagen. Jetzt fahre ich die nächsten vier Wochen bestimmt nicht nach Hause, dort geht mir ohnehin alles auf den Keks. Komplett-Eskalation nannte sie es.

Das alles funktioniert aber nur, wenn es draußen warm genug für kurze Ärmel ist. Pfeift dagegen ein eisiger Wind durch die Gassen, regnet es gar oder wird winterlich kalt, werden die Statuen eingehaust und in Bretter gehüllt. Die Menschen dagegen ziehen sich dicke Jacken an und bleiben doch lieber in ihren Stuben hocken. Dann werden auch die Fassaden wieder grau, sandsteingrau, betongrau und die Straßen asphaltgrau, granitgrau und basaltgrau.

Vielleicht komme ich ja jetzt öfter her.

12 Bilder vom 12. Juni

Kaum war Weihnachten, ist schon wieder die Hälfte des nächsten Jahres vorbei. Es ist kaum zu glauben. Doch wie an jedem 12. des Monats will die Blognachbarin mit „Draußen nur Kännchen“ in zwölf Bildern unseren Tag sehen. Nun denn.

Heute morgen guckte ich nach draußen, weil ich wissen wollte, ob die Lieblingshausziege noch in der Nacht heimgekommen war. Da kein Auto im Hof stand, hatte sie wohl bei der Freundin übernachtet. Nun, dann müssen die gestern gebackenen Gemüsetörtchen halt etwas länger warten, bis sie gegessen werden.

Eigentlich hat die Ampel doch auch unten einen solchen weißen Rand, oder?

Dafür war ich nach Kaffee, Zeitungslektüre und Müslifrühstück Richtung Fürth unterwegs. Aber was war mit der Ampel? Der fehlte ja ein Stück? Huch, gleich wird es grün… also schnell los.

Bei Susanne haben wir Pläne geschmiedet und uns für die kommende Woche eine Wanderung vorgenommen.

Knabberkram, Tee, Rosen: So lässt es sich gut planen…

Dann fuhr ich wieder nach Hause, schließlich wollte der Text über die gestrige Gemeinderatssitzung noch geschrieben werden. Im Ofen lungerten die bereits erwähnten Gemüsetörtchen und grinsten mich an, als ich in der Küche nach etwas Essbarem gesucht habe. Was soll ich sagen? Sie haben auch kalt geschmeckt. Selbstverständlich habe ich noch genügend von ihnen übrig gelassen…

Gemüsetörtchen nach Ottolenghi.

Vor dem Pfingstwochenende waren wir auf Holunderblütenfang. Der Sirup wartete bereits darauf, dass er von Holunderblüten und Zitronen befreit in Flaschen gesperrt werden konnte.

Holunderblüten und Zitronenscheiben bleiben im Sieb.

Der Vorrat steht parat und will in den Keller.

Das ging gewissermaßen fast nebenbei. Heute morgen war der Mitbewohner allerdings unterwegs und hat unsere in Israel gekauften Bilder fertig gerahmt abgeholt.
Das Bild „Soldiers at the Wall“ stammt von israelischen Künstler Merioz Udi und ist der meistverkaufte handsignierte Druck.

Die Kombination der Uniformen mit dem Gebetsschal zeigt, dass die Soldaten nicht allein um des Kampfes Willen ihre Uniform tragen, sondern auch für ihren Glauben eintreten:
„Not by might nor by power, but by My Spirit, says the Lord Almighty“
„Nicht durch Macht oder Kraft, sondern den Geist“ (Sacharja 4.6)

Die Zutaten für Hummus.

Da die Bilder die Erinnerungen an die Reise nach Israel weckten, war es nur logisch, dass wir Appetit auf Hummus bekamen. Den hat der Mitbewohner denn auch gleich gebastelt.

Alles wird klein geschreddert.

Essen ist fertig.

Wer mag, findet das Rezept bei den „fränkischen Tapas“.

Und weil im Juni die Rosen im Vorgarten gerade so schön blühen, gibt es noch Rosenbilder. Nutzt nix, da müsst ihr jetzt durch.

Von der Rose hatte ich ja einen kleinen Zweig mit nach Fürth entführt. Steht neben der Teetasse.


Die Rose heißt Alberich und blüht in winzig kleinen Röschen. Weil sie so winzig sind, blühen ganz viele von ihnen zusammen.

Das ist eine Duftrose, die wir vor gut einem Jahr im Rosarium in Sangerhausen als Erinnerung gekauft haben.

Tagebuchbloggen am 5. Juni

Jeden Monatsfünften fragt die nette Blognachbarin, was ich den ganzen Tag lang so mache, oder kurz: WMDEDGT.

Heute war die Nacht seltsam: Gegen zwei war ich wach. Es war heiß, es wurde heftig geschnarcht, eine Katze kuschelte sich an mich. Also siedelte ich aufs Sofa um und las solange im Internet, bis ich wieder müde genug zum Einschlafen war.

Als ich das nächste Mal aufwachte, war es Zeit für Kaffee, Müsli und Zeitungslektüre. Die Lieblingshausziege saß mir gegenüber, las die Überschrift und entschied, dass ich die Zeitung auch später lesen könne. Jetzt sei sie dran.

Ein kurzer WhatsApp-Austausch, dann war ich verabredet und fuhr nach Fürth. Dort gab es Tee, viel wurde beredet und einiges erledigt, bevor ich zügig zurückfuhr. Glücklicherweise hatte mich Susanne daran erinnert, dass wir heute noch einen weiteren Termin vor uns hatten.

Zu Hause gab es etwas zu essen und alles duftete nach Holunderblüten. Der Mitbewohner war schließlich am Vormittag zu unserer Laufstrecke gefahren und hatte dort die voll erblühten Holunderdolden gesammelt. Zwischendrin chattete ich mit der Lieblingshausziege: Da ein Abendkleid leihweise benötigt wurde, fragte ich nach, ob sie eines für kurze Zeit entbehren könne. Sie stimmte zu und ich ging auf die Suche.

Einen Text später hatte ich eine Tasche voller Kleider, zog mich um, fuhr nach Zirndorf, traf mich mit Susanne und ging mit ihr zum Bahnhof. Dort stiegen wir in einen kurzen Zug, in dem bereits andere Menschen waren und zur Begrüßung gab es ein Getränk als Erfrischung. Schließlich war es heiß. Der Zug fuhr nach Cadolzburg. Vom Bahnhof bis zur Burg ist es nur ein kurzes Stück zu Fuß:

Der VGN, der Verkehrsverbund im Großraum Nürnberg, stellte auf der Cadolzburg sein Programm für den diesjährigen Bahnsommer vor, es gab eine kurze Führung durch die Burg und anschließend einen Imbiss nach mittelalterlichen Rezepten.

Wenn etwas an der Decke des Saales erklärt wird, gucken selbstverständlich alle nach oben.

Die Abendsonne lässt einen Giebel der Cadolzburg noch einmal aufleuchten.

Schließlich ging es vollgefuttert und den Kopf und Block mit vielen Informationen gefüllt mit dem Zug wieder zurück nach Zirndorf und für mich mit dem Auto bis nach Hause.

Alles demokratisch, oder was?

Es ist die Mehrheit, die regiert. Nicht die Vernunft. Will diese etwas schützen, etwas begrenzen, grätscht das europäische Gericht im Namen des Marktes dazwischen. Dieser soll alles richten und gerecht verteilen.

Wir bekommen nicht immer das, was wir wollen – aber ziemlich genau das, was wir wählen: so Toni Hofreiter bei seiner Buchvorstellung: „Fleischfabrik Deutschland“.

Was Familien wert sind, zeigt sich in dem, was Staat und Gesellschaft ihnen abnehmen: An Mieten für kinderfreundliche Wohnungen und Gebühren für Kindertagesstätten, Betreuungen und – hoffen wir, dass das Kind nicht krank wird, oder nicht zu lange, schließlich müssen die zehn freien Arbeitstage jährlich dafür reichen.

Das Parlament ist demokratisch. Es wurde von allen gewählt, doch es scheint nur der Industrie verpflichtet. Der Markt soll alles richten, was nicht geregelt ist. Die Verbraucher sind schließlich mündig. Wer sich jedoch zwischen Arbeit, Kinderbetreuung und Haushalt aufreibt, dessen Balance ist schon kräftezehrend genug. Da bleiben kaum Möglichkeiten, sich umfassend über alles zu informieren und vor allen Dingen die Sachinformationen vom Marketingsprech zu unterscheiden.

„Uns haben doch die Bürger gewählt, damit wir entscheiden, was für sie das Beste ist.“, beschwert sich ein Gemeinderat darüber, dass ebenjene Bürger den Bau des x-ten Supermarktes in ihrer recht nahen Umgebung – nur jetzt auf hoheitlichem Gemeindegebiet – schlichtweg ablehnen.

Das Parlament bringt Dinge auf Vordermann, macht sie zukunftsfähig – damit sie hinterher nicht mehr funktionieren. Das gilt für öffentlichen Personennahverkehr, für Fahrradwege und alles, was mir jetzt nicht einfällt, sondern nur dann, wenn ich gerade davon betroffen bin.

Werden Hilfe- oder Arbeitssuchende zu Klienten qua Neudefinition der Ämter, die längst nicht mehr so genannt werden, was soll ihnen dort eigentlich verkauft werden?

Bemisst sich der Wert eines Menschen am Geld, das er bekommt, werden diejenigen, die sich um Menschen kümmern, am geringsten bezahlt. Sie schaffen schließlich keine Werte, sondern Mitmenschlichkeit. Diese schlägt sich jedoch nicht in den Renditen der Fondseigner und Investoren als bares Geld nieder. Warum müssen Krankenhäuser und andere soziale Einrichtungen Gewinne erwirtschaften, die von allen (dank der Beiträge zur Kranken- und anderen Sozialversicherungen) bezahlt, aber von nur wenigen abgeschöpft werden?

Der Wert eines Menschen bemisst sich am Lohn für die Arbeit. Immer mehr Maschinen übernehmen Routinen und schwere Arbeiten, doch damit es der Mensch nicht zu leicht habe, wird der Takt stetig verdichtet. Pflegen, waschen, füttern, kämmen im Akkord: Hauptsache, satt und sauber. Obwohl: Satt stimmt auch nicht immer. Das Geld für Mahlzeiten ist knapp bemessen… Das Drehen übernimmt die Dekubitus-Matratze, das Streicheln ein Plüschtier und Gespräche werden ohnehin überbewertet. Bei der Visite im Krankenhaus trifft der Blick des Arztes nicht den Patienten, sondern den Monitor.

Vor den Wahlen wecken viele Parteien Begehrlichkeiten und Wünsche, machen Versprechen. Das war vor rund dreißig Jahren nicht anders: Während die Bürger der DDR Reisefreiheit und Bananen wählten, bekamen sie Treuhand, Arbeitslosigkeit und Wessis, die ihnen auf einmal sagen wollten, wo der Hase läuft. Ihnen ging es wie dem Kind, das zu seinem Besten nur Salat und Gemüse statt gewünschten Nutellabrot aufgetischt bekam.

Trotzdem würde ich mit keiner der Alternativen zur Demokratie tauschen wollen.

Verbunden mit: Blogparade: Was bedeutet mir die Demokratie 

Zeitunglesen hilft. Meistens jedenfalls.

Waukawysk

Endlich ist ein Rätsel gelöst: In den Briefen meines Großvaters ist von einer Stadt die Rede, er nennt sie allerdings nicht mit ihrem vollen Namen, sondern kürzt sie mit „W“ ab. Die Ortsangabe beim Datum vom Juni 1941 lautet „Osten“, sie sind mit dem Zug zwei Tage lang nach Osten gefahren, ausgestiegen und quartieren irgendwo in einem Wald, es ist sandig, es ist heiß und weil sie von Mücken geplagt werden, ist nicht an ein Sonnenbad zu denken.

Er nutzte im Juni zweimal die Gelegenheit, nach W. zu fahren und berichtet davon, erzählt von einem kaputten Bahnhof, einem Ghetto und einer Straßenbahn. Viel mehr verrät er nicht. Aber diese kleinen Hinweise haben ausgereicht, dass die Stadt identifiziert werden konnte. Danke, Micha. Allerdings gehören viele Ortschaften, die damals polnisch waren, seit langem zu Weißrussland. Und genau hier liegt Waukawysk, das damals noch Wolkowisk hieß, nur rund 40 Kilometer von der heutigen polnischen Grenze entfernt.

Im Jahr darauf, 1942, mussten die Wiener Juden auf dem Bahnhof in Wolkowisk aus den Personenzügen aus- und in Viehwaggons einsteigen. Dann ging die Fahrt weiter, nach Maly Trostinec, einem Vernichtungslager bei Minsk.

Zu dieser Zeit war der Großvater aber längst anderswo unterwegs.

Link: Hier liegt Waukawysk.

Vielleicht eine Friedenstaube, aber ganz sicher in Moskau.