Meine Gedanken zu #Pegida

Ich brauche immer ein wenig länger, um nachzudenken. Deswegen schreibe ich so wenig über aktuelle Themen: Bis ich soweit bin, dass ich mich nicht nur umfassend informiert habe, sondern auch selbst eine Meinung dazu habe, vergeht eine Weile. Manchmal ist dann das Thema als solches nicht mehr aktuell – und ich lasse meine Notizen liegen.

Doch das Thema „Pegida“: Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, ist noch aktuell. Auch in diesem Jahr wollen die Menschen wieder auf die Straße gehen. Also ist Gelegenheit, meine Gedanken dazu ein wenig zu ordnen, sie sind nicht vollständig, sie sind nicht endgültig, ich erhebe auch keinesfalls den Anspruch, dass ich in allen Punkten Recht haben könnte.

Der erste Gedanke, der mir zum Thema Pegida in den Kopf kam, war das Lied von den Ärzten: Schrei nach Liebe.

Der zweite Gedanke war: Warum gerade in Dresden? Und mir fiel ein, dass damals vor der Wendezeit mit der Abkürzung ARD nicht nur das Fernsehprogramm bezeichnet wurde, sondern auch: „Außer Raum Dresden“. Dresden war wohl einer der wenigen Orte, in denen die Menschen kein Westfernsehen sehen konnten, weil sie keinen Empfang hatten. Somit waren sie auf die Propaganda des Ostens angewiesen. Ob sie deswegen dort linientreuer und gehorsamer waren, weiß ich nicht. Ich kannte Dresden aus dieser Zeit nicht.

Dritter Gedanke: Wie war das eigentlich damals mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche? Diesmal musste ich nachgelesen, es ist einfach zu lange her. Am 13. Februar 1990, dem 45. Jahrestag der Bombardierung, veröffentlichten Menschen einer Bürgerinitiative einen offenen Brief: „Ruf aus Dresden“Der Ruf wurde gehört, die Frauenkirche wieder aufgebaut. Ich erinnere mich noch gut an einen Lehrer aus meiner Schulzeit: Kam dieser zu einer Vertretungsstunde in unsere Klasse, spielte er entweder auf dem Akkordeon das Lied von der Schwäbsche Eisebahne oder erzählte davon, wie er den Feuersturm in Dresden erlebt und überlebt hatte. Ich las in den Tagebüchern von Viktor Klemperer, wie er diese Zeit in Dresden erlebt hatte, immerhin rettete ihm die Bombardierung höchstwahrscheinlich das Leben, denn die Marschbefehle für die allerletzten Juden von Dresden musste er einen Tag vorher selbst noch verteilen.

Vierter Gedanke: Dresden wurde ja erst als Weltkulturerbe der Unesco nominiert und kurze Zeit später wieder von der Liste der Weltkulturerbestätten gestrichen, weil eine Brücke durch das Elbtal gebaut wurde, obwohl es heftige Proteste aus aller Welt dagegen gab. Bei dieser Diskussion hatte ich den Eindruck: Hier wollen Menschen bestimmen, was gut für die Dresdner sei – und prompt machen diese, was sie wollen, bauen die Brücke, jetzt erst recht. Das hatte ein wenig von der Nachwendezeit, als plötzlich alle Erfahrungen, alles, was galt, plötzlich nichts mehr wert war. Plötzlich wussten Menschen, die nicht im Osten aufgewachsen waren, nicht nur alles besser, sondern sie sagten den Menschen im Osten wie unmündigen kleinen Kindern, wo es langgehen sollte.

In einer Zeit, in der Effizienz und Effektivität selbst in sozialen Bereichen mehr zu zählen scheinen, als Ideen und Mitmenschlichkeit, in der soziale Dienste, Krankenhäuser und Altenheime ihre Kosten minimieren und jeden Handgriff akribisch notieren und abrechnen, eine Zeit, in der nach der Stoppuhr gepflegt wird, zählen Kosten, nicht Menschen. Und plötzlich kommen Menschen in unser Land, Flüchtlinge, werden von den zentralen Aufnahmelagern verteilt, müssen von den Städten und Gemeinden irgendwo untergebracht werden, auf „Anordnung von Oben“.

Dann fingen einige Menschen in Dresden an, gingen auf die Straße. Ihre Angst und Unsicherheit den Unbekannten gegenüber machten sich diejenigen zunutze, die immer noch im Ewigen Gestern leben. Was könnte helfen?

Es nutzt sicherlich nichts, diese Menschen einfach dumm zu nennen. Ein kleines Kind, das nachts Angst vor dem bekommt, was sich unter dem Bett befinden könnte, nenne ich schließlich auch nicht einfach dumm, auch wenn ich weiß, dass dort keine Ungeheuer hausen. Es nutzt nichts, Arbeiter und Handwerker aus Dresden zu stigmatisieren. Hier wäre es hilfreicher, wenn es Gespräche geben würde, welcher Art auch immer. Dann könnten die Rechten mit ihren Parolen weniger Menschen erreichen. Wenn die Menschen, die in Dresden auf die Straße gehen, um ihr Abendland zu retten – wobei das Abendland ja auch eher ein Symbol für ein Paradies zu sehen wäre, welches es so nie gegeben hat – dann machen sie das vielleicht einfach deswegen, weil über ihre Köpfe hinweg entschieden wurde. Und sie das Gefühl haben, dass sie einfach allein gelassen werden mit ihren Befürchtungen, wovor auch immer.

Menno. Redet einfach miteinander. Setzt euch zusammen. Schwätzt. Trinkt Kaffee, esst Plätzchen oder Stollen, lernt die Flüchtlinge kennen, lasst euch deren Geschichten erzählen. Dann werdet ihr merken, dass das Menschen sind, die euch nichts wegnehmen wollen.