Kann das weg, oder ist das Kunst?

Ausstellungsbesuch in der Bamberger Villa Dessauer

Gestern habe ich mich mit zwei Frauen verabredet, wir waren in einer Ausstellung und haben uns Werke von lebenden K├╝nstlern angeguckt. In der Bamberger Villa Dessauer waren unter dem Titel „DIN A4“ eine ganze Menge Werke – meistens Bilder – von K├╝nstlern zu sehen, deren Gemeinsamkeit zun├Ąchst das Format war. Au├čerdem sind alle K├╝nstler Mitglied im Berufsverband Bildender K├╝nstler/innen Oberfranken e.V.

Ja, ich wei├č: Kunst muss nicht verst├Ąndlich sein. Ich verstehe beispielsweise nicht jedes Musikst├╝ck, finde es aber sch├Ân, wenn es vor einem Konzert etwas erkl├Ąrt wird: Immerhin habe ich nicht Musik studiert und kann mit dem Rest meines Schulwissens ├╝ber den Sonatenhauptsatz nicht mehr viel anfangen. Dabei h├Âre ich mir durchaus gerne Musik an, auch solche, die ich nicht kenne. Wird vor dem Konzert etwas auf eine Weise erkl├Ąrt, die dagegen nur zeigt, dass der Erkl├Ąrer viel wei├č und dar├╝ber d├╝nkelhaft schw├Ątzt, den Zuh├Ârern gewisserma├čen sagt, wie doof sie sind, dann ist das wie bei manchen Rezensionen in manchen Feuilletons: Ich mag sie nicht.

In der modernen Kunst ist das f├╝r mich ├Ąhnlich: Zwar muss ich nicht alles verstehen – und auch nicht alles sch├Ân finden, aber ich finde es sch├Ân, wenn es irgendwie verst├Ąndlich erkl├Ąrt wird. Will mir dagegen jemand mit so richtig verschwurbelt-verquasten S├Ątzen ein Bild oder Kunstwerk erkl├Ąren, frage ich mich: was der wohl geraucht haben muss, um solch ann├Ąhernd sinnfreie Aussagen zu machen?

Liebe bildende und andere K├╝nstler! Ihr habt eure Kunst studiert, ihr seid die Fachleute. Das finde ich sch├Ân, und ihr seid bestimmt auch wichtig und n├╝tzlich. Es irritiert mich, wenn ihr Sachen macht, von denen ich denke: Joa, das k├Ânnte ich, oder ein Grundschulkind auch machen. Wenn ihr solche Sachen macht, ohne euch irgendwie verst├Ąndlich zu machen, dann sch├╝ttele ich eben den Kopf. Wie beispielsweise bei drei Materialien, die im DIN A4-Format nebeneinander lagen: Schafwolle im Eisenrahmen, Holz mit Leinwand und Marmor: „Drei verschieden nat├╝rliche Zust├Ąnden des technischen DIN A4 transformieren in meiner Arbeit zu einer sozialen Struktur“. Da kann ich nur sagen: Verstehe ich nicht. Ich verstehe weder den Satz, noch das, was der K├╝nstler damit sagen will. Was ist eine soziale Struktur aus Wolle, Holz und Marmor? Ich habe nichts dagegen, wenn ihr mich mit euren Arbeiten zum Nachdenken bringt, wenn ihr zeigt, wo Br├╝che sind und Irritationen. Aber lasst mich nicht ganz so ratlos herumstehen. Bitte.

Aber es gab auch Witziges, wie beispielsweise einen Stapel Metallschubladen, in denen vom Papierstapel ├╝ber Locherkonfetti, schmale Rei├čwolfstreifen, zerrissene, gefaltete, zerkn├╝llte Papierb├Âgen. Klar, das k├Ânnte ich auch selbst: Aber die Idee ist witzig, l├Ąsst sich nachvollziehen. Rote Stoffstreifen, aneinandergen├Ąht und wie Biesen gefaltet, sehen einfach sch├Ân aus. So k├Ânnte ich jetzt jedes einzelne Kunstwerk in eine Schublade stecken: Gef├Ąllt mir, gef├Ąllt mir nicht, verstehe ich, verstehe ich nicht. Dabei will ich das gar nicht.

Ich wei├č, wie schwer es ist, so zu malen, dass die Perspektive funktioniert und das Licht ├╝berzeugt. Wenn man es kann, kann man es auch wieder lassen – damit die Malerei wieder so naiv und unbeschwert wirken kann, wie die eines Kindes. Mag sein. Aber wenn ich ein Konzert h├Âre, indem die Musiker ihre Instrumente nicht beherrschen, klingt das nach dem, was die Katzen hier abends vor dem Fenster veranstalten. Kunst kommt von K├Ânnen. Wenigstens ein bisschen davon m├Âchte ich in einer Ausstellung auch sehen.

B├╝cher in anderen Sprachen lese ich schlie├člich auch in einer ├ťbersetzung, wenn ich das Original nicht verstehe. Es gab zwar einen kleines Heft, in dem alle K├╝nstler und ihre Werke aufgef├╝hrt waren, doch das war oft keine Hilfe. Hier fehlte mir die entsprechende ├ťbersetzung. Das hei├čt nicht, dass ich selbst-denken ablehne, ganz im Gegenteil. Wir haben ganz gut gekichert, als wir durch die Ausstellungsr├Ąume gegangen sind, wir hatten Assoziationen, haben manche Frechheiten gedacht und laut gesagt (au├čer uns war niemand weiter da) und uns am├╝siert. Vielleicht k├Ânnte ein Dialog helfen, eine ├ťbersetzung: K├╝nstler – Anguckender beispielsweise, die nicht nur zeigen will, wie elaboriert der Erkl├Ąrer schwadronieren kann. Sondern ein Dialog, der zwischen Menschen gef├╝hrt wird, zwischen denen, die an Kunst interessiert sind und denen, die Kunst machen.