Nicht empfehlenswert: Die Krankheit und der Krimi

Ob meine fiese ErkĂ€ltung, die mich in der vergangenen Woche das Sofa hĂŒten ließ, die Rache sĂ€mtlicher neidischer Götter auf das in warmen kanarischen Gefilden verbrachte Winterwochenende war? Ich weiß es nicht.

Aber es war genĂŒgend Zeit und Gelegenheit, einem Krimi auf den Zahn zu fĂŒhlen, der schon eine Weile hier herumliegt:

Christiane Dieckerhoff: „Spreewaldgrab“.

12am12 250

Ich hatte mich – aufgrund des Klappentextes und der Leseprobe aus den ersten Seiten bei www.vorablesen.de fĂŒr das Buch interessiert und bekam es vor einer Weile zugeschickt:

Eine Polizistin kommt vom Ruhrpott in den Spreewald und hat gleich drei FĂ€lle auf dem Tisch: Ein toter Unternehmer, eine verschwundene Geliebte und das mumifizierte Skelett einer jungen Frau. Sagt der Klappentext.

Ich legte mich entspannt mit dem Buch aufs Sofa, las los und war neugierig. Allerdings war ich auf Seite 13 schon etwas irritiert: Wie friert ein abgezogenes Kaninchen? Das ist doch tot – und friert ĂŒberhaupt nicht mehr, auch wenn das Fell weg ist. Prompt verfolgte mich das Bild des toten Karnickels eine Weile. Ja, der Ratschlag im Schreibratgeber, der da lautet: Keine abgegriffenen Bilder zu nutzen, sondern lieber neue zu erfinden, ist schon sinnvoll. Aber nicht jedes Bild passt in jedem Fall und ĂŒberall. „Fingerbeere“ beispielsweise ließ mich ebenfalls nachblĂ€ttern, ahja, die Autorin war mal Krankenschwester. Ich glaube, sonst hĂ€tte da auch einfach „Fingerspitze“ gestanden. Und: Möbel aus dem Ikea der 80er Jahre dĂŒrfe es im Osten auch nur sehr wenige geben. Eigentlich logisch, oder? Schließlich war der Fall der Mauer erst 89, anschließend konnten die Menschen bei Ikea einkaufen. Genug an Kleinkram gemeckert, der nicht passt. Den gibt es in diesem Buch zwar leider immer wieder, ist aber nicht die Hauptursache fĂŒr meine Unzufriedenheit.

Die Polizistin kommt aus dem Westen – und lĂ€sst sich in den tiefen Osten, in den Spreewald – versetzen. Zur aktuellen Erinnerung: Auch dieser liegt in Sachsen. Aber sie registriert nur, dass es hier mehr NSU-Plakate an den BĂ€umen gibt, als anderswo. Und dass es den Menschen hier reiche, wenn sie „Wessi“ sage. Das ist mir etwas wenig. Hier hĂ€tten mich mehr die vielschichtigen Zwischentöne interessiert, die selbst fĂŒr Urlauber im Osten zu spĂŒren sind. Ich weiß zwar, dass es relativ lange dauert, bis ein Buch geschrieben und schließlich veröffentlicht ist, doch die latent fremdenfeindliche Haltung der Menschen, die heute in dieser Gegend fĂŒr Entsetzen sorgt, ist nicht erst in den vergangenen drei Monaten entstanden. Davon ist in der ErzĂ€hlung nichts zu spĂŒren. Ein Halbvietnamese ist Kollege – und keiner der Übrigen macht Witze darĂŒber? Sind die Menschen bei der Polizei dort wirklich so superkorrekt, wie in dem Buch beschrieben, oder nicht doch ein wenig anders, wie der Umgang mit Fremden, mit Rechtsradikalen und Linken in Natura seit mehr als zwanzig Jahren beweist?

Damit sich der Leser mit den Figuren identifizieren kann, mĂŒssen diese fĂŒr ihn fassbar werden, charakteristisch nachvollziehbar sein. Muss deswegen aber fast jede Nebenfigur mit ihrem komplizierten Innenleben geschildert werden? Ich fand die FĂŒlle an Details etwas zu ĂŒppig, Ă€hnlich wie in einem Dschungel, durch dessen Wildwuchs sich jeder Wanderer mit der Machete kĂ€mpfen muss. Etwas weniger Einzelheiten – und dafĂŒr etwas mehr an Tiefe, das hĂ€tte ich mir gewĂŒnscht. So blieb vieles in der oberflĂ€chlichen Form, wie ein Kaffeeklatsch. Ach, die Frau des halbvietnamesischen Kollegen ist krank und dick und wird von dessen Mutter versorgt und bekocht? Ach, und die Frau des Kollegen, bei dem die Polizistin zunĂ€chst zur Untermiete wohnt, ist schwanger und er will das dritte Kind nicht? Hier hĂ€tte mir ein Familiendrama durchaus gereicht, zusĂ€tzlich zum Drama um die Hauptfigur und die drei FĂ€lle, die mir dann – in einem Fall wenigstens – ein wenig zu spektakulĂ€r enden. In einem Labyrinth, unter einem Wasserbassin mit Skulptur ist ein Bunker, in dem ein Opfer auf seine Befreiung wartet? Wo sind wir denn? In einem Schlossgarten? Nein. Ein eingeschossiges Haus und im Garten ein Bunker. Aha. Als ob im Spreewald jedes Haus ebenmalso einen Bunker im Garten hĂ€tte, ĂŒber dem ein Wasserbassin mit Skulptur steht und den Eingang verdeckt. Alles klar.

Christiane Dieckerhoff lebt im Kohlenpott, dort, wo ihre Polizistin herstammt. Viel ist nicht ĂŒber sie zu finden. Schade eigentlich. Ich hĂ€tte gerne gewusst, wieso sie ausgerechnet darauf kommt, einen Krimi im Spreewald anzusiedeln und gehofft, dass sie von dieser Gegend mehr weiß, als dass es in LĂŒbbenau einen großen Hafen und viele Fließe gibt. Mich interessieren nĂ€mlich die Menschen, die dort leben. Und die finde ich in dem Buch irgendwie gar nicht.

Wer jetzt neugierig geworden ist und nachlesen möchte, ob ich mit meiner Meinung nun Recht habe, oder nicht, der mag mir im Kommentar dazu etwas schreiben. Unter allen, die kommentieren – und das auch wĂŒnschen – , verlose ich das gelesene Exemplar.