Nichts mehr da. #Habseligkeiten

Endlose Weite.

Dass es besser ist, wenn er sein Herz nicht an Dinge hĂ€ngt, lernte Georg schnell. Er zog bereits einige Tage lang mit seiner Kompanie durch die Sowjetunion, und hatte immer noch keine Vorstellung davon, wie weit, groß und unĂŒberschaubar dieses Land in allen Dingen sein wĂŒrde. Die WĂ€lder und Felder waren riesig, die Wege endlos, die Dörfer kaum vorhanden und die StĂ€dte grau und öde. Zwar schien auch der dritte Krieg zunĂ€chst ein wildes, mĂ€nnliches Abenteuer zu sein, in dem sich gemeinsam mit den Kameraden die Unkereien der Propagandaleute belachen ließen: Frauen! Im Krieg! Die hatten doch dort nichts zu suchen… Doch das Lachen verging ihnen schnell. Hinter jedem Baum schien ein Feind zu lauern, in jedem Feld und jedem Haus.

Georg zog als AufklĂ€rer vorneweg, saß mit vier Kameraden im leichten SpĂ€hpanzer. Die Landschaft war sommerhell, der Weg von Birken gesĂ€umt. Hinten am Horizont zog sich der Wald scheinbar endlos dahin, er war froh, dass sie nicht dessen Tiefe erkunden mussten. Am nĂ€chsten Tag sollte es weiter gehen, sicherheitshalber schickte der KompaniefĂŒhrer den Trupp noch einmal los, gerade als der Morgen graute. Wie am Tag zuvor war alles ruhig, idyllisch, kurz vor dem Wald graste ein Rudel Rehe, zwei Hasen hoppelten ĂŒber den Weg und Fritz bedauerte, dass sein Gewehr nicht schießbereit war: „Die hĂ€tte ich gehabt, alle beide!“. Kaum waren die Worte verklungen, knallte es laut und ohrenbetĂ€ubend. Der SpĂ€hwagen ruckte so heftig, dass alles nach vorne flog: „Raus!“, wies der Leutnant an, doch das hĂ€tte er nicht sagen brauchen. Alle fĂŒnf drĂ€ngten nach draußen, halfen sich aus dem Fahrzeug, hechteten in den kleinen Graben der neben dem Weg lag: „Hast du irgendwas gesehen?“ fragte Fritz. Georg schĂŒttelte den Kopf: Außer den Hasen hatte auch er nichts gesehen. Als sie am Tag zuvor noch etwas weiter nach vorne gefahren waren, war hier ebenfalls alles ruhig und so ĂŒbersichtlich und ruhig wie die Landschaft wirkte, hatten sie nicht mit einem Hinterhalt gerechnet.

GebĂŒckt liefen sie durch den Graben zurĂŒck, wĂ€hrend der SpĂ€hpanzer auf dem Weg dicke Qualmwolken in den Himmel schickte. Die ersten beiden liefen weiter vorne, Fritz und Georg sicherten den Leutnant von hinten, konnten jedoch nicht verhindern, dass ein heller Schuss peitschte und diesem quer ĂŒber die Uniformjacke fuhr, diese wie mit einem Messer aufschlitzte und den Mann darin glĂŒcklicherweise unverletzt ließ. Sofort lagen alle platt auf dem Boden, bewegten sich vorsichtig schlĂ€ngelnd durch das dĂŒrre Gras. Von einem Wermutstrauch gedeckt, wagte Georg einen Blick nach hinten, zum immer noch brennenden Panzer. Drumherum liefen unförmige wirkende Gestalten, die durch den dichten Qualm kaum zu sehen waren. Das waren doch keine Soldaten? Oder?

Sie wollten es nicht wissen, jetzt jedenfalls nicht. Ein zweiter Schuss hatte einen der anderen Kameraden in den Oberschenkel getroffen, sie zogen ihn gemeinsam immer weiter, durch den Graben, das trockene Gras, hinterließen eine deutlich sichtbare Blutspur und brauchten nur zwei Kilometer hinter sich zu bringen, als ihnen der zweite SpĂ€htrupp begegnete, der ihnen gefolgt war und ihnen jetzt half, vollzĂ€hlig zurĂŒckzukommen. Nicht immer hatten die Soldaten so viel GlĂŒck.

Sein Anzug war alles, was ihm von seinen Habseligkeiten noch geblieben war: Handtuch und Seife, Decke, Kaffeebecher, Essbesteck, Rasierpinsel und Apparat, sĂ€mtliche Briefe Friedes – alles war im Panzer verbrannt. Gleich nach der RĂŒckkehr der SpĂ€htrupps zog ein Kampftrupp los, mit dem Auftrag, die Lumpen zu erwischen. Ja, Lumpen. Es waren keine Soldaten, die geschossen hatten, es waren Frauen oder MĂ€nner in Frauenkleidern, vermuteten die Soldaten, nach allem, was sie im Qualm gesehen hatten.

GlĂŒck muss man haben, resĂŒmierte Fritz spĂ€ter, als er am Abend mit Georg zusammensaß und noch einmal die verpassten Hasen bedauerte. Schließlich war nicht ĂŒberall ein passender Graben am Weg.

Zwei Tage spĂ€ter ging es weiter, immer weiter nach SĂŒden und so lange, bis der fehlende Treibstoff die Reise fĂŒr kurze Zeit unterbrach.

Das ist mein Beitrag zu Dominiks Projekt, *.txt, mit dem fĂŒnften Wort: Habseligkeiten.