Der Einzelhändler

Herbstmorgen einst in Herlefeld.

Die L√§den meiner Kindheit waren klein, eng und nicht sehr √ľbersichtlich. Ich durfte schon relativ fr√ľh Milch und Eier holen, damals waren aber die Eier noch in Papiert√ľten und nicht in Pappkartons verpackt. Es gab einzelne Karamelbonbons und beim B√§cker √ľberhaupt keinen Verkaufsladen: Dort, wo das Brot gebacken und mit dem langen Holzschieber aus dem gro√üen Backofen geholt wurde, dort stand einfach ein Holzbrett und auf diesem die Bleche mit Kuchen. Besonders der Bienenstich wurde von Wespen umschw√§rmt und bekrabbelt. Die Erinnerungen an die vielen L√§den der Kindheit erinnerten mich:

Jetzt wei√ü ich, warum der Einzelh√§ndler so hei√üt: Nicht etwa, weil er mit einzelnen Sachen handelt, mit Gl√ľhbirnen und Schokoriegeln, mit H√§mmern und Streichh√∂lzern. Nein, er steht mutter- und vaterseelenallein in seinem Laden. Er r√§umt und kramt in den Regalen, sortiert Suppent√ľten, pinselt den nicht vorhandenen Staub von sorgf√§ltig sortierten Schrauben. Er ist allein. Einzeln und in Einzelhaft. Der Einzelh√§ndler steht in seinem Laden einzeln herum, d√∂st im Halbd√§mmer vor sich hin, tr√§umt von reger Nachfrage und sammelt in den langen Pausen die¬†Kraft und Energie, die er braucht, wenn er mal nicht alleine ist.

Auf der Stra√üe gehen hin und wieder Menschen vorbei, doch kaum jemand dreht den Kopf und sieht auf die Pyramide von Suppendosen und das Aquarium, in dem zwei Guppys Verstecken zwischen den Wasseralgen spielen. Der kundige Einzelh√§ndler wartet geduldig im hintersten, im dunkelsten Eck seines Ladens, wie die Spinne – versteckt im Astloch am Rande ihres Netzes. Er schaut nicht auf die Stra√üe, sondern poliert die Messingstangen, an denen er mit √Ėsen aus handgebogenem Draht die bunten Topflappen h√ľbsch drapiert hat. Er¬†wartet. Er hat Zeit.

Der Einzelh√§ndler beobachtet gerne, wie sich der Mensch langsam in einen kaufenden – und vor allem auch zahlenden Kunden verwandelt. Die Wandlung geschieht Schritt f√ľr Schritt, und der kundige Einzelh√§ndler wei√ü, dass er diese Metamorphose nicht st√∂ren oder gar zu fr√ľh unterbrechen darf. Manchmal geht ein Mensch erst z√ľgigen Schrittes vorbei, z√∂gert dann, verh√§lt, schaut in das Schaufenster und auf das Schild an der Ladent√ľr, legt die Hand auf die Klinke und erst nach einer Weile dr√ľckt er die T√ľr auf. Die meisten Menschen z√∂gern, solange sie noch die Hand auf der T√ľrklinke halten, und¬†lassen diese nur ungern los. Wenn sich die Ladent√ľr mit einem satten Schmatzen hinter ihnen schlie√üt, zucken sie zusammen, als w√§ren sie jetzt gefangen.

Doch der Einzelh√§ndler bewegt sich keineswegs, um seinen k√ľnftigen Kunden standesgem√§√ü zu empfangen. Er wei√ü genau, dass er um keinen Preis die Verwandlung st√∂ren darf, bevor sie vollst√§ndig ist. Nimmt also der Mensch, der so z√∂gernd in den Laden kam und die T√ľr so widerstrebend loslie√ü, endlich etwas in die Hand, die ge√∂ffnete Packung Aspirin etwa, deren Inhalt hier auch tablettenweise verkauft wird, so beginnt die langsame Metamorphose des Menschen in einen Kunden. Dann¬†erschrickt dieser nicht mehr bei der Frage: „Kann ich etwas f√ľr Sie tun?“ oder verl√§sst gar fluchtartig den Laden.

Am besten ist es allerdings, wenn der k√ľnftige K√§ufer etwas sucht, was er nicht sofort selbst findet. Hier ist ihm der Einzelh√§ndler au√üerordentlich beflissentlich behilflich, kramt selbst in seinen Regalen, schiebt die Brille erst hoch in die Haare, dann nach vorne auf die Nase. Er murmelt leise vor sich hin und holt hier und da interessante Schachteln und Dinge aus Schubladen und Ecken. Jedes Teil wird dem Kunden ausf√ľhrlich vorgef√ľhrt, w√§hrend dieser von einem Fu√ü auf den anderen tritt und hofft, dass der Einzelh√§ndler doch bald¬†f√ľndig werden m√∂ge. Manchmal allerdings muss der Einzelh√§ndler nach langer Suche aufgeben, weil die erw√ľnschte Ware partout nicht aus ihrer Ecke kommen und sich zeigen m√∂chte. Dann geht der Kunde, ob mit gesuchter Schraube oder ohne gew√ľnschten Haken.

Nach dieser Anstrengung √∂ffnet der Einzelh√§ndler eine abgegriffene Pappdose mit Aluminiumdeckel und streut den beiden Fischen zwei einzelne Fl√∂ckchen Fischfutter in das Aquarium, bevor er sich selbst einen Schokoriegel greift und mit dem sechsten Schlag vom nahe gelegenen Kirchturm den Laden von au√üen mit seinem gro√üen Schl√ľssel absperrt.

Verbunden mit:¬†*.txt: „verstehen“¬†, dem Schreibprojekt von Dominik Leitner. Vielleicht versteht ja der Einzelh√§ndler, was er da macht

Verbunden mit: Die Läden meiner Kindheit.