Vom Kulturbeutel zu Kafka: Eine Blogparade

fränkischer tag 236

Nach dem Konzert im Kreuzgang packen die Musiker ihre Instrumente wieder ein. Schön wars.

Wenn ich mich richtig erinnere, dann waren für mich als Kleinkind „Kulturbeutel“ und „Kulturhaus“ meine ersten Begegnungen mit dem Wort: „Kultur“: In den Beutel kamen Zahnbürste und Waschlappen, Seife und Kamm, wenn es zu den Großeltern ging. Damals wusch man sich noch mit Seife und Waschlappen, die Kultur der Dusche kam später. Im Kulturhaus fand unten im Saal der Kinderfasching statt, im ersten Stock war die Arztpraxis, in der es die Impfungen gab. Als die Arztpraxis auszog, wohnte die Bücherei hier. Alles Kultur, sozusagen.

 

 

 

Zu anderen Gelegenheiten kam das Wort „Kultur“ als solches zwar nicht explizit vor, die Anekdoten lassen sich trotzdem darunter verorten und beschreiben ein wenig, wie ich der klassischen Musik, einem Teil der Kultur also, etwas näher kam.

Meine Großmutter deckte sonntags fürs Frühstück den Tisch im Wohnzimmer: Weiße Tischdecke, schönes Geschirr, was man eben so hat. Immerhin ist Sonntag, da soll selbst das Frühstück schöner sein, als an einem ganz gewöhnlichen Wochentag. Die Kaffeekanne bekam ein Schwammlätzchen vor die Tülle, weil sie das Kleckern einfach nicht lassen konnte. Die Kultur kam mit dem Plattenspieler ins Spiel: Sonntags durfte nicht etwa der schnöde Röhrenempfänger aus der Küche dudeln, sondern es klimperte und geigte, klassische Musik war angesagt. Während meine Großmutter nach dem Frühstück ihre Fingernägel feilte und für die kommende Woche im Büro frisch lackierte, spielten Bach, Beethoven und Händel. Ich nahm die Musik hin, wie man so als Kind die Dinge hinnimmt, die man nicht ändern kann – und von denen man erst später merkt, wie sehr sie einen geprägt haben. Da war es gut, dass keiner auf die Idee kam und etwa fragte: „Was will denn das Kind gerne hören“, sondern die Erwachsenen das gemacht haben, was ihnen gefiel und sie für richtig hielten.

Einige Jahre später schwärmte eine Bekannte, die im Kirchenchor sang, begeistert von ihren Proben und der Aufführung, die demnächst stattfinden sollte. Ich bat sie, mir zwei Karten zu besorgen, auch weil ich wusste, dass diese – wenn überhaupt – nur schwer zu kriegen wären. Eine Kirche hat schließlich relativ wenige Sitzplätze, jedenfalls dann, wenn genügend Einwohner aus der Kleinstadt Platz nehmen wollen. Auch wenn nur die Bekannten und Verwandten der Chorsänger gekommen wären, wäre die Kirche voll besetzt. Also hatte ich zwei Karten, und fragte meinen damaligen Freund, ob er denn mitkäme ins Konzert. Er guckte auf die Karten, DIN-A5, längs gefaltet, fragte: Ist das alles? Ja, das ist der ganze Text – und meinte: Joa, kann ja nicht so lange dauern, ist ja nicht viel. Dass der Herr Händel den Text des Messias nicht so geschwind absingen ließ, wie die Kürze es nahelegte, nun, dass wusste der Freund nicht. Ich wusste zwar auch nicht genau, wie lange das Konzert wirklich dauern würde, aber ich wollte hin, weil die Bekannte so schwärmte. Und ich muss sagen: Ich fand es faszinierend. Der Freund aber war sauer.

Mit meinem ältesten Kind besuchte ich Sonntags gelegentlich eine Matinee im Schloss, wir lauschten in kleiner Runde Kammermusik, saßen dabei auf barocken Stühlen. Das Kind war angemessen beeindruckt, guckte den Musizierenden auf die Finger, während sie still lauschte. Das jüngste Kind durfte auch immer mal zu Konzerten mit, freute sich über einen dünnen Kosakenchorsänger zwischen lauter dicken Musikern, war stolz, dass Nicole extra zu ihr kam, und bewunderte die Kostüme und den Gesang der Aquabellas. Inzwischen hört sie zwar auch Musik, die ich nicht so mag, aber das muss eben so sein.

In jedem Fall ist der Kontakt zur Kultur ein persönlicher. Ohne die Oma und ohne die Bekannte hätte ich einige Musikerlebnisse nicht gehabt und hätte heute weniger Vergnügen in klassischen Konzerten. Ich bin gerne bereit, mir etwas anzuhören, nur weil jemand angemessen dafür schwärmt. Allerdings fiel mir bei der Jüngsten auf, dass sie oft das einzige anwesende Kind im Konzert war. Sie wurde dafür bewundert und hat es sichtlich genossen. Die anderen Besucher hatten in den meisten Fällen das Rentenalter bereits erreicht. Was wird wohl in einigen Jahren passieren, wenn die heutigen Konzertbesucher so alt sind, dass sie nicht mehr kommen können? Sterben dann die klassischen Konzerte aus? Vielleicht nicht alle…

Warum sind keine Kinder in Konzerten anwesend? Ich glaube nicht, dass die wirklich stören würden, jedenfalls nicht, wenn sie merken, dass Menschen, die ihnen wichtig sind, dort gerne hingehen. Vielleicht würde ich nicht die Wagner-Oper als Einstieg wählen, aber Mozarts Zauberflöte kann auf Grundschulkinder bezaubernd wirken. Allerdings kostet der Konzertbesuch Geld, und das oft nicht zu knapp. Die Ermäßigung für Kinder ist meist so gering, dass sie lieber zu Hause bleiben müssen, wenn sich die Eltern ein Konzerterlebnis gönnen wollen.

Im Studium habe ich dann später gelernt, dass das Wort „Kultur“ im Ackerbau seinen Ursprung hat: Nur wer in der Lage ist, genug Getreide über den Winter zu retten, statt dieses bei Hunger sofort aufzufuttern, kann dieses im Frühjahr aussäen, kultivieren. Der Aufschub macht demnach den Unterschied: Wer sämtliche Bedürfnisse sofort befriedigt, ist also ein Kulturbanause. Oder? Fürs Hören von Konzerten ist jedenfalls ein wenig Geduld nötig. Schließlich lässt sich so ein Orchester über langsamere Passagen hinweg nicht einfach vorspulen.

Je länger ich über die Kultur und die Blogparade: „Was ist Kultur für Dich…“ von Tanja Praske nachdenke, desto mehr fällt mir ein. Doch letztendlich bleibt mir die Erkenntnis: Für jeden gibt es einen eigenen Zugang zur Kultur,einen ganz individuellen und persönlichen, so wie ihn Kafka in der Türhüterparabel beschreibt: Wer es nicht wagt, durch seine Tür hindurchzugehen, dem bleibt sie verschlossen.

#KultDef