#txt: ruhig

Ruhig bleiben, ruhig leben, ruhig laufen, ruhig fahren. Ruhe hatten erst diejenigen, die von einer feindlichen Kugel getroffen wurden, fielen und starben. Alle anderen mussten weiter, immer weiter nach Osten, dorthin, wo die Sonne jeden Tag ein kleines bisschen frĂŒher aufging.
Hans staunte ĂŒber die Weite, die sie querten. Bis weit vor ihnen dehnte sich das Land endlos, wĂ€hrend ĂŒber ihnen ein ebenso endloser und blauer Himmel war. Die lichten BirkenwĂ€lder, in denen das Sonnenlicht in hellen Flecken auf dem Moos tanzte, kamen ihm jedoch wie die finsteren TannenwĂ€lder der RĂ€ubererzĂ€hlungen aus seiner Kindheit vor. Hinter jedem Busch, unter jedem GrasbĂŒschel schien der Feind zu lauern, der in seinen erdbraunen Uniformen so schwer sichtbar war, da der Stoff denselben Farbton trug, wie das Land rundum. Die gelbliche Farbe auf den Feldern erinnerte Hans an den August, wenn sich das Gras verbrannt und gelb niederlegte, da der Regen ĂŒber Wochen ausblieb und alles vor Hitze flirrte. Hier in Russland reifte das Getreide auf den Feldern, da sich aber niemand um die Ernte kĂŒmmerte, blieb es stehen und ließ die Körner auf den Boden fallen.
Am 22. Juni hatte Hans die Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion ĂŒberquert. Am Straßenrand lag der Schlagbaum, ein Schild sah er nicht. Erst zwei Wochen spĂ€ter hielt seine Einheit das erste Mal inne. Sie hausten drei Tage lang in fĂŒnf verlassenen HĂ€usern, die Hans auf den ersten Blick fĂŒr ViehstĂ€lle hielt. Erst als er die Tische sah, die in den Stuben standen, den großen Ofen in der Ecke und die Teller auf den Wandborden ahnte er, dass das Leben im Osten anders war, als er es von zu Hause kannte. Der Spieß ließ nicht zu, dass in den drei Tagen Ruhe einkehrte. Er sorgte mit dem entsprechenden GebrĂŒll dafĂŒr, dass sĂ€mtliche Jacken wieder schwarz, sĂ€mtliche Uniformknöpfe glĂ€nzend, sĂ€mtliche Schuhe penibel geputzt und sĂ€mtliche Koppel wieder so aussahen, als kĂ€men sie frisch aus der Kleiderkammer. In diesen zwei Wochen war die Kompanie um 18 vermisste und sieben gefallene Soldaten geschrumpft, 25 von gut 200, da blieb fĂŒr jeden mehr zu essen und mehr zu rauchen ĂŒbrig, konstatierte Fritz, der wie ein Feldhamster auf seine VorrĂ€te achtete und selbst dann noch etwas zwischen den Backen kauen konnte, wenn alle anderen hungrig auf den Nachschub warteten.
Drei Tage spĂ€ter ging es weiter, sie fuhren Tag und Nacht, bis sie den Dnjepr ĂŒberquert hatten, der Sprit alle und die Tankwagen noch weit hinter ihnen waren. DafĂŒr kamen die Russen von vorne und die Artillerie feuerte von hinten, bis die Rohre glĂŒhten. In den HĂ€usern, die dicht hinter den Feuerstellungen standen, lagen Matten. Die Soldaten fielen darauf, froh ĂŒber die weiche Unterlage und schliefen wie besinnungslos, obwohl die Batterie pausenlos feuerte. Hans war durch den stĂ€ndigen Mangel an Schlaf so erschöpft, dass er sofort einschlief. Ein lauter Schlag, mitten in der Nacht, weckte ihn. Es klirrte und die Scheiben aus dem Fenster ĂŒber der Matte fielen auf seine Decke. Die Artillerie hatte ein solches Trommelfeuer begonnen, wie er sich an keines erinnern konnte. Er sah zu, wie der Putz aus den Fugen rieselte, und glaubte einen Moment lang, dass sich die Backsteine in der Wand bewegten. Dabei erlebte er bereits seinen dritten Krieg – und die Belagerung von Warschau war ja auch nicht ohne. Die AbschĂŒsse schienen schneller aufeinander zu folgen, als ein MG schießen kann, und der Zinnober dauerte lĂ€nger als eine Stunde. Erst danach konnten die Soldaten ihre Finger wieder aus den Ohren nehmen, schliefen, bis sie geweckt wurden und weiter ziehen mussten.

Ruhe. Wenn es endlich einmal ruhig wĂ€re…

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