Tauben in Moskau

Tauben in Moskau

In Moskau ist es verboten, eine Taube zu überfahren, stand 1961 in der ZEIT. Es drohte eine drastische Geldstrafe. War es, weil die Tauben Symbol des Friedens sind? Oder dienten sie vielleicht als Ersatz für Hühnchen, ganz egal, wie alt die Vögel waren?

Waren sie einst willkommene Boten und trugen Botschaften über weite Entfernungen, werden Simse und Vorsprünge heute mit Spikes bestückt. Sie sind nicht mehr erwünscht, oder vielmehr: Sie sind nur noch als Symbol erwünscht, aber nicht mehr als echte Tiere. Dabei sind sie schlau und sehen viel besser als wir Menschen. Doch das zählt nicht.

Verbunden mit: Czoczo.

Leb wohl, kleines Haus

Hier in Franken gibt es nicht sehr viele alte Häuser, jedenfalls nicht in den Ortschaften, in denen Wachstum angesagt ist. Schon in den sechziger und siebziger Jahren wurden die relativ kleinen typisch fränkischen Fachwerkhäuser durch bräsige doppelstöckige Wohnhäuser ersetzt.

Ein kleines Fachwerkhaus in Franken

Eines dieser kleinen Häuser steht noch herum Guckt man es von hinten an, wird klar, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis das Häuschen endgültig Geschichte ist.

Kleines Fachwerkhaus von hinten gesehen

Der Besitzer hat einen Antrag auf Abriss gestellt. Zwar steht das kleine Haus unter Denkmalschutz, aber das nutzt ihm jetzt auch nichts mehr. Auf dem Wohnhaus liegen längst kaum noch Ziegel, statt dessen sind Folien auf die Sparren genagelt. Hinten war früher der Stall. Seit zwanzig Jahren steht das Haus jetzt ungenutzt und kalt, die Eltern wollten damals den Stall abreißen, bekamen aber keine Genehmigung dafür, erzählt der Hausbesitzer. Das hätte ja auch den Charakter völlig verändert, wies der Bürgermeister darauf hin, dass hinter einem solchen kleinen Fachwerkhaus ein moderner – und größerer – Anbau unpassend gewesen wäre.

Bald wird hier ein neues Haus stehen. Eines, das Toscana-Haus heißt, obwohl es in der Toskana solche Häuser nicht gibt. Oder eines, das mit seinem Pultdach so viele Sonnenstrahlen wie möglich einfangen soll. Nur das kleine Fachwerkhaus, das ist weg.

Noch ein altes Häuschen, das es bald nicht mehr gibt.

Hier war der Bürgermeister vor kurzem zu Besuch und hat der 90jährigen Oma zum Geburtstag gratuliert. Der Enkel jedoch hatte bei der Gemeinde schon den Abriss beantragt. Für ihn sei das alte Haus viel zu klein.

So ist das. Hier in Franken werden Häuser abgerissen, weil sie zu alt, zu klein oder nicht mehr modern genug sind. Renovieren? Umbauen? Ausbauen? Alles Unfug. Mit solchem Kleinkram gibt sich doch hier niemand ab.

 

Eine leere Hülle nur

Das letzte Mal, als ich dich sah, hast du auf dem Sofa gesessen, im Wohnzimmer. Dabei war das nicht dein Platz. Hier lag die Oma beim Fernsehen, oder lackierte sich am Tisch die Nägel, wenn das sonntägliche Frühstück beendet war. Sie feilte, entfernte den Nagellack, trug neuen auf, weiße Tischdecke an Beethoven und Bartholdy. Kultur gehörte dazu, auch wenn es niemanden gab, der das zu würdigen schien.

Du hast auf dem Sofa gesessen, Kissen um dich herum, über deinen Beinen lag eine Decke. Es war ein Sitzen ganz ohne Spannung, ohne Haltung, die hattest du verloren, oder sie hatten sie dir genommen, im Krankenhaus, aus dem du gerade zurückgebracht, sie hatten dich geöffnet – erzählte irgendwer – und nichts mehr gemacht, gleich wieder zugeklappt, als seist du ein Schrank, in dem die Tassen gezählt und für vollzählig befunden, nur stand jetzt eine mehr herum und die hieß: Krebs.

Neben dir ein schmaler weißer Kasten, du hattest Schläuche, die von den Ohren bis zur Nase, bis in die Nase reichten. Sauerstoff, erklärte jemand. Wir redeten nicht. Wir hatten vorher nicht geredet, warum sollten wir es jetzt tun, so kurz vor dem Ende oder was es auch immer sein würde. Zu allen Besuchen wurde geschwiegen, erst in der Tür, auf der Schwelle quasi, fing das Reden an und zog sich – zum Ärger desjenigen, der es eiliger hatte und deswegen ungeduldig zappelte – manchmal lange.

Kann das, was ein Leben lang versäumt wurde, in ein paar Minuten gesagt werden?

Du hast auf dem Sofa gesessen, du hast gegrinst, so wie immer. Für mich sah das aus wie: Es passiert nichts, es ist alles in Ordnung, so wie immer. Ich blieb nicht lange, und wir sprachen nicht miteinander, außer: guten Tag und noch ein Tschüss oder ein Aufwiedersehen.

Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal sein würde, doch wenn ich es gewusst und in seiner Tragweite erkannt hätte, hätte es denn etwas geändert?

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Komtur: Bronzeskulptur von Anna Chromy auf dem Friedhof von St. Severin, Sylt

Das ist mein Beitrag zum Black and White im November bei Czoczo. Klick auf das Logo – dort ist der Link zu den anderen Beiträgen:

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Wasser. Spiegelung.

Granada

Granada: Die Alhambra.

Je kälter und nasser es draußen ist, desto weiter scheint der August mit seiner Hitze in Spanien bereits zurückzuliegen. Da wir heute in der Stadt essen waren, statt zu Hause zu kochen, ging es zu Fuß zum Rathaus, und ein kleines Stück an der mittelalterlichen Stadtmauer von Mühlhausen entlang. Im Gegensatz zur wuchtigen Festung auf der Alhambra in Granada wirkt diese regelrecht klein und zierlich, reichte aber aus, die blinden Hessen, die armen Eichsfelder und die Raubritter vom Hanstein abzuwehren.

Einen großen Anteil am Zauber der Alhambra haben die vielen Wasserflächen in den Innenhöfen. Hier haben die Gebäude keine Mauern, so wie bei uns. Die Grenze zwischen Innen und Außen ist nicht die Wand, sondern das Haus. Im Zentrum ist der Hof, ohne Dach, so dass die Sterne des Himmels nachts scheinen, die Räume sind um diesen herum gruppiert und wirken mit ihren offenen Säulenreihen wie Loggien. Wasser spielt dabei eine große Rolle und ist in irgendeiner Form immer anwesend. Das mag zum einen mit dem Koran und seinen Erzählungen vom Paradies zusammenhängen, zum anderen damit, dass es in Andalusien heiß und trocken ist.

Das ist mein Beitrag für das Black&White Fotoprojekt von Czoczo. Der Klick auf das Logo führt zu den anderen Teilnehmern:

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Steine statt Brot

Krähe

Krähe

Es ist Zeit, dachte der Vogel. Es ist Zeit, dass jetzt die Brut endlich auf eigenen Beinen steht: Auf eigenen Flügeln fliegt sie ja längst, fliegt mir immer hinterher, setzt sich hin, reißt den Schnabel weit auf und wartet, bis ich fette Brocken in den Schlund stopfe. Immer nimmersatt schlingen, haben wollen, Hunger krächzen.

Er hatte den Schnabel voll, so gestrichen voll wie nur irgendwas. Das war jetzt in seinem Leben die 28. Brut, und jedes Mal wurde die Bagage zum Schluss so fordernd, dass ihm nur die Flucht blieb, so stark wie die Jungen dann wurden, gefüttert und großgezogen von ihm, verjagten sie ihn aus dem Nest, das sie als Sieger übernahmen.

Als er über die Steine flog, zwischen denen nicht ein einziger Grashalm wuchs, nur weiße Steine lagen dicht an dicht, weiß wie die Brotstückchen, die er manchmal fand, landete er auf ihnen, suchte. Suchte sorgfältig, drehte einen Stein um, nahm in in den Schnabel, verwarf ihn wieder. Er war kritisch. Schließlich sollte die Brut den Betrug nicht auf den ersten Blick enttarnen, sondern sich zanken, ganz so, wie sie sich um jeden Brotkrumen zankten. Nur dann hätte er Zeit genug, Zeit, um die Schwingen auszubreiten und zu fliegen. Ganz weit weg.

Das ist mein Beitrag für Schwarz/ Weiß im Juli, bei Czoczo. Klick auf das Logo führt zu allen anderen Teilnehmern:

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Erinnerung an Constanta

Romania

Die St. Mina Kirche im Tabacarie Park von Constanta in Rumänien

Zehn Jahre ist es inzwischen schon her, dass ich in Rumänien war. Ich habe eine ruhige Stunde genutzt und ging alleine vom Hotel aus in Richtung Stadtmitte. Da mir die Hauptstraße nicht so schön schien, bog ich ab, in einen Park. Durch das Laub schimmerte Wasser. Der Park war groß und wirkte verwildert, mit Teichen zwischendrin. Am Rand stand Schilf, dazwischen lagen Unmengen an leeren Plastikflaschen. Frösche quakten. Viele Angler saßen rund um die Teiche, alle paar Meter saß wieder einer.

Zunächst war das Land schon schockierend: dreckig, verkommen, ruinös, vermüllt, grau, betoniert, ungepflegt – dann sah ich langsam Details und nahm die Schönheit wahr, die hier manchmal sehr verborgen ist: Eine Blume, die aus den Pflasterritzen wuchs, ein lächelndes Kind, junge Frauen, die sich hübsch machen, aber auch Bettler, dunkel vor Dreck und trotzdem mit Hoffnung in den Augen.

Hier im Park waren viele Menschen unterwegs, junge Pärchen, Menschen mit Kindern, es war eine Stimmung wie ein sonniger und fröhlicher Sommertag, ein perfekter Tag für ein Picknick im Gras.

Die Kirche, die ich von der Bank am See fotografierte, wurde übrigens erst 1995 gebaut. Es ist eine orthodoxe Kirche, St. Mina, ganz aus Holz, so wie die Holzkirchen im Norden von Rumänien, in Maramures.

Das Bild ist für das Black & White Fotoprojekt von Marius. Da er sich einen Bezug zur „Sieben“ gewünscht hat, empfehle ich: Spitzen zählen ;-). Wer noch mehr Bilder in Schwarz-Weiß gucken möchte, klickt einfach auf das Label unten. Das ist der Link.

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Platz für Neues schaffen

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Pferdefuhrwerk

Eine Reihe alter Bäume liegt in der Wiese: so alt, dass sie sich in ihrer Jugend bestimmt staunend umgedreht haben, wenn mal ein Auto vorbeifuhr. Schließlich wurde damals noch mit Pferden geackert, wer keine hatte, spannte die Kühe vor den Pflug.

Jetzt sind die Bäume alt, morsch, tragen keine Früchte mehr oder das tote Holz ist wertvoller, als alles, was auf und an ihnen wuchs. So wurden sie gleich mit ihren Wurzeln aus der Wiese gezogen. Das Pferdefuhrwerk erinnert an die Zeit, in der die Bäume jung waren, frisch gepflanzt, noch voller Freude auf künftige und reiche Ernten.

Die Früchte gibt es doch jetzt frisch im Supermarkt, schon gepflückt, gewaschen und eingetütet. Da braucht niemand mehr Hand anzulegen beim Pflücken. Wer will schon für so wenig Geld arbeiten, wie die Früchte dann einbringen?

Das ist ein Beitrag zu: (einfach auf die Grafik klicken)BW2015L-550

Memento moriendum esse im Wald

Weiß leuchtet der Schädel auf braunrotem Laub und ist alles, was von diesem Leben übrig blieb:

Andreas Gryphius – Einsamkeit

In dieser Einsamkeit, der mehr denn öden Wüsten
Gestreckt auf wildes Kraut, an die bemooste See:
Beschau ich jenes Tal und dieser Felsen Höh‘
Auf welchem Eulen nur und stille Vögel nisten.

Hier, fern von dem Palast; weit von des Pöbels Lüsten,
Betracht‘ ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh‘,
Wie, auf nicht festem Grund all unser Hoffen steh‘,
Wie die vor Abend schmähn, die vor dem Tag uns grüßten.

Die Höll‘, der rauhe Wald, der Totenkopf, der Stein,
Den auch die Zeit auffrisst, die abgezehrten Bein‘
Entwerfen in dem Mut unzählige Gedanken.

Der Mauern alter Graus, dies unbebaute Land
Ist schön und fruchtbar mir, der eigentlich erkannt,

dass alles, ohn‘ ein‘ Geist, den Gott selbst hält, muss wanken.