Runter vom Sofa und ab zum Sport #6

Es ist wieder Zeit für einen Trainingstermin mit Kerstin. Sie kommt mit ihrem Damengrüppchen am Treffpunkt an, verabredet noch die nächste Trainingszeit, verabschiedet sich – und wir ziehen zu zweit los, wieder durch den Kellerwald.

Das Joggen fällt mir hier deutlich schwerer, als beispielsweise auf der Sportinsel, wo die Strecke eben ist. Ich bin in meinen alten Turn- und Wanderschuhen unterwegs, die sich schon auf so vielen Strecken bewährt haben. Diese sind zum einen wunderbar bequem und gründlich eingelaufen, zum anderen begleiten sie mich wirklich schon eine sehr lange Zeit: Ich lief mit ihnen die zweihundert Kilometer von Eisenach bis nach Marburg auf dem Elisabethpfad (hier beschrieben), ich war mit ihnen im Harz und in den Alpen ebenso unterwegs, wie auf einem still gelegten Eisenbahngleis, das inzwischen einer neuen Autobahn weichen musste.

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Meine alten Turnschuhe.

Doch diese Schuhe, mit denen ich so viele Tage und Kilometer unterwegs war, fangen an, sich langsam zu verabschieden. So ist beispielsweise die Sohle längst nicht mehr so griffig, wie am ersten Tag. Ganz im Gegenteil: Bin ich auf steilen Wegen in der fränkischen Schweiz unterwegs, muss ich aufpassen, dass ich nicht wegrutsche.

Ich frage also Kerstin als Fachfrau fürs Laufen und Sport, worauf ich achten sollte, wenn ich mir neue Schuhe kaufen möchte. Sie erzählt mir, dass es Laufschuhe gibt, mit denen der Fuß gestützt wird. Andere Laufschuhe haben Sohlen, mit denen die Stöße vom Laufen gedämpft werden. Dazu gibt Sportgeschäfte, die eine Laufstilanalyse anbieten. Ich bin ein wenig verwirrt: Schließlich möchte ich weder den ganzen Tag in Sportschuhen laufen, noch den nächsten Marathon in Rekordzeit absolvieren. Nur ein bisschen laufen und wandern – das muss doch auch ohne High-Tech möglich sein. Schließlich war meine Großmutter einst mit einem simplen Damenrad unterwegs und hat damit ihre Einkäufe erledigt. Weder hätte sie bei einem Rennrad gewusst, wo sie ihre Kartoffeln unterbringen soll, noch hätte sie mit einem Mountainbike den Berg hoch zu ihrem Haus bewältigt. Nehme ich mal an.

Mannmannmann. Die Menschheit läuft schon so lange auf ihren Füßen herum, dass ich nicht glaube, dass für Schuhe eine solche Technik nötig ist. Wenn dieses Verfahren so miserabel wäre, wie es mir die Werbung für Laufschuhe weismachen möchte, hätte es sich sicherlich in der Evolution nicht so durchgesetzt. Wie dem auch sei: Kerstin empfiehlt mir, einfach Sportschuhe anzuprobieren, auch im Sportgeschäft damit zu laufen und so zu spüren, ob ich in diesen bequem unterwegs sein kann. Das klingt erst einmal vernünftig. Ich werde mal sehen, ob sich das umsetzen lässt.

Wieder daheim, klemme ich mich hinter den Computer. Ich will wissen, was in Sportkleidung alles an Chemie verarbeitet wird. Hier hilft mir die Zeitschrift Öko-Test weiter: So fanden Labore in Laufhosen beispielsweise Weichmacher, die wie Hormone wirken oder zinnorganische Verbindungen, die sich sowohl auf das Immun-, als auch auf das Hormonsystem des Menschen auswirken können. Manche Textilien werden mit halogenorganischen Verbindungen ausgerüstet, obwohl längst bekannt ist, dass sie Allergien auslösen können und zum Teil unter dem Verdacht stehen, Krebs auszulösen.

Das finde ich weniger erfreulich und beschließe, dass für meine sportlichen Zwecke mein Baumwoll-.T-Shirt reicht, auch wenn es nicht so fesch aussieht, wie manch andere Shirts. Da ich nach dem Sport ohnehin nach Hause fahre, stört es mich nicht, wenn die Klamotten verschwitzt sind. Nach dem Duschen kommen sie in die Wäsche – und gut ist. Insgesamt fühle ich mich von der Fülle der Materialien und Angebote ein wenig erschlagen. Fast sehne ich mich nach der Zeit zurück, in der es nur Sporttrikots aus Baumwolle gab, die sich lediglich durch ihre Farbe voneinander unterschieden. Mal sehen.

Runter vom Sofa und ab zum Sport #2

Die persönliche Trainerin Kerstin ist krank. Das finde ich schade, und wünsche ihr gute Besserung. Trotzdem findet meine wöchentliche Sportstunde statt, denn Harry übernimmt Kerstins Part. Harry läuft gerne. Harry läuft auch gerne lange. Nur ich laufe gar nicht gerne, und bin bestimmt das letzte Mal gelaufen, als ich noch in der Schule war. Das ist lange her. Zwar war ich damals recht leichtfüßig unterwegs, was an der Jugend und an meinem damals deutlich geringeren Gewicht gelegen haben mag, doch jeder spätere Versuch zu laufen scheitert daran, dass ich nach kurzer Zeit völlig aus der Puste bin.

Aus diesem Grund gehe ich ja auch lieber wandern. Da komme ich zwar hin und wieder auch ins Schwitzen, besonders wenn es bergauf geht, doch insgesamt finde ich Wandern recht geruhsam. Aber andererseits wollte ich ja meinem inneren Schweinehund Max Beine machen. Während wir uns in forschem Schritt warm gehen, schwärmt Harry von den Vorteilen, die das Laufen so bietet. Immerhin würden dabei viele Kalorien verbrannt, mehr jedenfalls als beim Wandern oder Radfahren. Hmm. Ich höre mir das an. Schließlich möchte ich ja etwas weniger werden, da hat Harry schon Recht. Aber der Reflex ist immer noch vorhanden, so wie früher in der Schule zu maulen, wenn der Lehrer etwas anordnet. Nur: Wenn ich es nicht probiere, kann ich nicht wissen, ob nun Laufen etwas für mich ist, oder nicht.

Nach zehn Minuten Aufwärmen traben wir langsam los, Harry erklärt noch das Prozedere: Nur eine Minute langsam joggen und dann wieder ein Minute lang gehen. Praktischerweise hat Harry eine Uhr, die er einstellen kann und die sich jeweils nach Ablauf der Zeit piepsend meldet. Selbstredend laufe ich zu schnell los und werde von Harry gebremst. Ich soll ja eine Minute lang durchhalten und nicht nach zwanzig Schritten japsend zusammenbrechen. Im Zockeltempo joggen geht erstaunlich gut, vielleicht auch deswegen, weil Harry nebenher davon erzählt, wie er vom Radfahren zum Laufen kam und was er bereits unterwegs so erlebt hat.

Schwätzend joggen und gehen wir also eine ganze Weile am Rhein-Main-Donau-Kanal entlang, bis zur Brücke, über die ich normalerweise mit dem Auto fahre, wenn ich nach Forchheim will. Dort drehen wir um und joggen und gehen zurück. Harry erzählt, dass er gemeinsam mit seiner Frau Lauftouren organisiert, ich habe nur noch so viel Puste, dass ich ab und an ein: „aha“ einwerfen kann. Als wir zurück zur Sportinsel kommen, halten wir an einer steinernen Bankgrupp mit rundem Tisch in der Mitte an. Hier ist eine günstige Gelegenheit für ein bisschen Krafttraining, findet Harry. Also mache ich Liegestütze, bei denen ich mich mit den Händen auf diesem Steintisch abstütze und einige andere Übungen, von denen manche schon ziemlich anstrengend sind.

Anschließend zeigt Harry, wie ich mich nach dem Laufen dehnen soll und empfiehlt mir Yoga, damit ich wieder etwas beweglicher werde. Nun, sonderlich beweglich war ich noch nie. Und beim Yoga war ich tatsächlich schon. Das war, als ich mit der Lieblingshausziege schwanger war. Irgendwie war das immer eine schöne, kuschelige Veranstaltung, bei der es warmen Gewürztee gab. Harry lacht. Er hat schon erlebt, dass Frauen zu ihm in den Yogakurs kamen, die eben solche Vorstellungen hatten – und dann enttäuscht waren, weil Yoga durchaus anstrengend sei, erzählt er. Ich könne es ja mal probieren, lädt er mich ein. Mal sehen.

Erst einmal ist die Stunde rum, und ich staune, wie schnell die Zeit vorüber ging.

Runter vom Sofa und ab zum Sport #1

Es ist schon über ein Jahr her, seit mein innerer Schweinehund auf den Namen Max hört. Inzwischen hat er einiges gelernt: Das Portemonnaie liegt jetzt (fast) immer auf dem Regal im Flur, ebenso die Uhr. Auf dem Schreibtisch wische ich gelegentlich richtig Staub, dann sieht nicht nur die Glasplatte für einen Moment schön sauber aus, auch das Papier, das sich immer darauf stapelt, ist sortiert und wandert – wann immer es geht – in die hübsche runde Ablage P unter dem Tisch.

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Die Katze darf auf dem Sessel liegen bleiben. Ich dagegen muss: Runter vom Sofa.

Was allerdings die tägliche Bewegung angeht, lebt Max immer noch nach dem Lustprinzip. Eigentlich würde er ja gerne jeden Tag unterwegs an der frischen Luft sein, aber irgendwie kommt oft genug etwas fürchterlich Wichtiges dazwischen.

 

Da kam mir der Aufruf vom Fränkischen Tag geradezu gelegen: Runter vom Sofa, heißt es. Dabei liege ich nur relativ selten auf dem selbigen, meistens sitze ich auf meinem Stuhl vor dem Monitor – und schreibe, gucke, lese, was auch immer. Ein persönlicher Trainer soll helfen und mich motivieren.

Ab jetzt ist also Kerstin an meiner Seite. Noch sitze ich im Auto auf dem Parkplatz der Sportinsel, bin etwas zu früh und warte. Die Sonne scheint, es ist relativ warm und eine ganze Menge Leute führen ihre Hunde spazieren. Die haben schließlich mit dem Hund immer einen Grund und eine Ausrede, damit sie aus dem Haus gehen. Ich dagegen habe meine Sportsachen herausgekramt, die ich vor langen Zeiten in der Hoffnung gekauft hatte, dass sie mich zu mehr Bewegung motivieren würden. Doch auf meinen Wanderungen brauchte ich sie nicht, also lagen sie im Schrank, ohne zu murren.

Kerstin kommt. Es geht aber noch nicht gleich los. Erst muss ich unterschreiben, dass ich wirklich auf eigene Verantwortung handele.

Dann geht es los. Wir gehen ziemlich schnell in der Sonne über die Forchheimer Sportinsel, auf den ganz normalen Wegen. Dabei soll ich meine Füße richtig von der Ferse bis zur Spitze abrollen, anschließend erst mit den Fersen, dann mit den Fußspitzen zuerst auftreten. Beides fühlt sich ungewohnt an. Wann habe ich eigentlich das letzte Mal überhaupt bewusst auf das Gehen geachtet? Das habe ich schließlich gelernt, als ich jung und frisch war. Jetzt achte ich nur noch darauf, wenn der Untergrund, sprich: Der Weg, entsprechend schwierig ist. Hier ist jedoch alles eben. Kerstin führt es vor, ich mache es nach, auch wenn die Beschreibung einfacher scheint, als die tatsächliche läuferische Umsetzung. Wer jetzt grinst, soll das erst einmal selber probieren.

Wir gehen ein Weilchen, dann gibt es eine Pause. Kerstin macht eine Schrittfolge vor, bei der ich gleichzeitig die Arme nach oben und den Oberkörper drehen soll. Ups. Koordination ist gefragt: Immer hübsch gegengleich zum Fuß drehen, der gerade vorne steht, anschließend noch die Arme mit einer leichten Kniebeuge nach unten und hinten bewegen. Kapiert? Macht nichts. Ich hab auch ein kleines Weilchen gebraucht.

An der Treppe wird es leichter: Stufe hoch, Stufe runter. Drei Stufen hoch, drei Stufen runter. Und mit dem Vorderfuß auf die Stufen stellen, bis es hinten in den Waden zieht.

Weiter geht es. An einer Wegkreuzung auf der Sportinsel kommt uns Harry entgegen, der andere persönliche Trainer, er hat gleich zwei Leser des Fränkischen Tags, ein Pärchen, im Schlepp.

Mit Thera-Band zwischen den Händen ziehe ich die Arme von oben zu den Schultern, das Band hinter dem Kopf: Hier stört das Haargummi, aber nur ein bisschen. Dreimal zehn Wiederholungen, dann geht es zur nächsten freien Bank. Hier soll ich mich setzen. Nicht wie gewohnt, sondern ich soll erst den Hintern nach hinten schieben, bevor ich die Knie beuge. Das erste Mal plumpse ich einfach auf die Bank. Zuschauer gibt es zwar keine, doch Kerstin macht neben mir mit, damit ich mir nicht so blöd vorkomme. Gute Idee.

Überhaupt: Der Schulsport. Fangen kleine Kinder an zu laufen und zu krabbeln, bewegen sie sich in der Regel gerne. Sie laufen, sie hüpfen, sie rollen, sie purzeln, sie machen alles, außer still sitzen. Kommen die Kinder dann in die Schule, müssen sie auf einmal lange still sitzen, und haben als Ausgleich dafür Sportunterricht: Hier wird leider oft Ernst aus Spiel und Spaß. Allein die Noten sorgen dafür, dass viele Kinder keine Freude mehr an Sport haben. Kerstin erzählt, wie sie mit den Kindern in einer Grundschule Seilspringen übte. Ein Mädchen hielt sich abseits und beteiligte sich nicht. Kerstin musste sich erst eine ganze Weile liebevoll mit dem Kind beschäftigen, ehe sie den Grund dafür erfuhr: Im Jahr zuvor gab es für die Schülerin fürs Seilhüpfen eine Vier. Jetzt mithüpfen? Fehlanzeige. Erst war ausreichend Motivation nötig.

Dieses Verhalten kenne ich selbst nur zu gut: Lieber habe ich im Schulsport ein „Ungenügend“ kassiert, als mich beim Geräteturnen dem Gelächter der Mitschüler auszusetzen. Zum Glück für mich konnte ich das mit Laufen und Ballspielen ausgleichen, so dass die Endnote keine völlige Katastrophe wurde.

Noch ein bisschen Laufen, Dehnen, Armkreisen. Dann ist die erste Stunde bereits vorbei. Es war ganz vergnüglich und eigentlich hatte ich gedacht, ich müsse mich dabei viel mehr anstrengen. Wir verabreden uns für die kommende Woche. Damit mir die Zeit bis dahin nicht so lang wird, kriege ich Hausaufgaben auf: Zweimal Walken/ Spazieren/ Gehen, in jeweils unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Kniebeugen und einmal etwas Krafttraining. Das geht ja.