Ein Tanzstundenabschlussball

Vor drei Wochen wurde das Wohnzimmer kurzerhand zu einer Schneiderstube umfunktioniert: Überall pieksten Stecknadeln, die Katze spielte mit den Garnrollen und versteckte alles unter dem Sofa, die Tastatur sah mit den ganzen Fusseln darin aus, als hĂ€tte sie sich einen tĂŒrkisfarbenen Pelz angezogen, das BĂŒgelbrett stand wie ein Schlagbaum in der WohnzimmertĂŒr. Ausnahmezustand. Und alles nur, weil sich die Lieblingshausziege ihr Ballkleid und fĂŒr ihren Schahatz eine Weste genĂ€ht hat.

Oma und Opa reisten extra an, so ein Ereignis soll ja auch gebĂŒhrend bewundernde Zuschauer haben. Da sich die inzwischen Ă€lteren Herrschaften hier in Franken nicht auskennen, zudem nur ungern im Dunkeln mit dem eigenen Auto fahren, fuhren wir gemeinsam. In einem Auto. FĂŒnf Insassen. Soweit passte alles. Bis die Lieblingshausziege beim Einsteigen erklĂ€rte, dass wir Schahatz abholen und dieser bei uns aus GrĂŒnden mitfahren mĂŒsse. Gut. Zur Not passen auch vier Menschen hinten auf die RĂŒckbank, dann ist zwar nicht fĂŒr jeden ein Gurt da, doch die Fahrt war nicht weit und das Auto hat sich nicht beschwert. Denn dieses mault und piept nur dann, wenn der Gurt von Fahrer oder Beifahrer nicht ordnungsgemĂ€ĂŸ angelegt wurde.

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Die Lieblingshausziege beim Abschlussball

Die Tanzstundenabschlussballteilnehmer mussten pĂŒnktlich bereits vor den GĂ€sten in der Festhalle sein. Wir warteten bis zum Einlass, suchten unseren Tisch – und warteten weiter. Bis eine Bedienung kam, unsere GetrĂ€nkewĂŒnsche entgegennahm und uns vorsorglich vor einer lĂ€ngeren Wartezeit warnte. Überhaupt besteht ja ein solcher Tanzstundenabschlussball zu einem großen Teil aus Wartezeit. Wir warteten. Bekamen unsere GetrĂ€nke. Wir warteten, bis die Lieblingshausziege und Schahatz bei der dritten Polonaise in den Saal einmarschierten. Mit etwa hundert anderen Tanzstundenabschlussballteilnehmern.

Der erste Tanz: Hier durfte der Opa der Tanzpartner sein. Anschließend gab es dreimal drei Runden (immerhin waren ja insgesamt etwa 300 Tanztundenabschlussballteilnehmer, alle SchĂŒler aus den zehnten Klassen der zwei Gymnasien in der Stadt). Jetzt durften sich die Absolventen des Tanzkurses auf die Zehen treten, den Tanz mit dem falschen Fuß beginnen oder auch ganz souverĂ€n absolvieren. Dabei sahen sie wirklich hĂŒbsch aus, die MĂ€dchen in ihren Kleidern und die Jungs in ihren AnzĂŒgen, auch wenn manche der MĂ€dchen auf ihren hohen AbsĂ€tzen zunĂ€chst noch etwas ungeĂŒbt stöckelten.

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Alles von oben: Dreihundert ZehntklÀssler sind schon eine ganze Menge.

Zu guter Letzt haben wir als Erwachsene etwas geschwĂ€chelt und sind tatsĂ€chlich etwa eine Stunde vor dem Ende des Tanzstundenabschlussballes nach Hause gefahren. Da waren allerdings alle VorfĂŒhrungen der Absolventen geschafft.

Hinterher fragte mich die Lieblingshausziege: Und? Wie war das bei dir? Da musste ich zugeben: Ich erinnere mich nicht mehr. Jedenfalls nicht an meinen Abschlussball. Da hat sich wohl nichts SpektakulĂ€res ereignet, was im GedĂ€chtnis hĂ€ngen geblieben wĂ€re. An zwei Begebenheiten aus der eigentlichen Tanzstunde kann ich mich dagegen noch gut erinnern: Mein Tanzpartner, ein sehr weißblonder, hellhĂ€utiger Klassenkamerad, ließ mich einmal rĂŒcklings ĂŒber seinen Fuß stolpern, so dass ich auf meinem Hintern landete. Die anderen lachten, logisch, ich fand es peinlich. Stand auf, und verpasste ihm eine Ohrfeige, so ganz ohne Nachzudenken, so dass er rot anlief. (Inzwischen verteile ich keine Ohrfeigen mehr, inzwischen wĂ€re mir ein solcher Zwischenfall auch lĂ€ngst nicht mehr so peinlich, wie er damals war. So ist das manchmal auf dem Weg zum Erwachsen-Werden.)

Die zweite Szene, die mir im GedĂ€chtnis blieb, war die folgende: Unser Tanzstundenlehrer war ein Ă€lterer Herr und immer sehr korrekt im Anzug. Neben den richtigen Tanzschritten wollte er uns gutes Benehmen beibringen. Also zeigte er uns gerne, was ĂŒberhaupt nicht geht: Mit dem Zeigefinger imitierte er zunĂ€chst eine im Mundwinkel hĂ€ngende Fluppe, stopfte dann die HĂ€nde in die Hosentaschen, so dass die Daumen cool auf den Hosenschlitz zeigten. Mit schlurfenden Schritten – nur nicht die FĂŒĂŸe hochheben, wĂ€re ja voll uncool – schlappte er einmal durch den Saal und forderte einfach durch ZurĂŒckwerfen des Kopfes eine MitschĂŒlerin auf. Danach ĂŒbten wir, wie wir jemanden ordentlich zum Tanz auffordern können. Bei der Lieblingshausziege gab es dagegen in der Tanzstunde keine Anleitung zum guten Benehmen mehr. Ob die das heute nicht mehr nötig haben?